Große europäische LKW-Hersteller wie Daimler, MAN oder Volvo tun es. Auch die US-Tüftler aus dem Silicon Valley sind dabei: sie alle basteln an selbstfahrenden LKW. Kein Wunder: Die Verwirklichung dieser Vision verspricht allein in den USA ein Milliarden-Geschäft. Laut einer Studie der US-Bank Morgan Stanley könnten durch selbstfahrende LKW in den USA jährlich 168 Milliarden Dollar eingespart werden.

Google Software zur Kontrolle der selbstfahrenden Autos. "Inside the Google Autonomous Car" by Steve Jurvetson is licensed under CC BY 2.0

70 Milliarden davon entfallen auf Lohnkosten, 35 Milliarden auf reduzierten Kraftstoffverbrauch, 27 Milliarden auf optimierte Logistikabläufe (dazu zählen auch weniger Staus). Weitere 36 Milliarden Dollar könnten durch weniger Unfälle eingespart werden.

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Angesichts solcher Zahlen scheint die Frage, ob selbstfahrende LKW kommen werden, bestenfalls naiv zu sein. Hält man sich jedoch vor Augen, dass allein in den USA rund 3,5 Millionen Trucker von Arbeitslosigkeit betroffen wären (in Deutschland gibt es derzeit etwa 540.000 Berufskraftfahrer), erscheint die Vision in nicht mehr ganz so hellem Licht. Betroffen wären auch all jene Beschäftigten, die mittel- oder unmittelbar vom LKW-Verkehr in seiner heutigen Form leben: Fahrlehrer, Angestellte und Zulieferer von Raststätten, Tankwarte und viele mehr. Ungeklärt sind zudem etliche rechtliche, versicherungstechnische und nicht zuletzt auch ethische Fragen, die sich durch die Automatisierung des Frachtverkehrs auf der Straße stellen.

Zwei unterschiedliche Modelle für selbstfahrende LKW, die bereits heute umsetzbar sind

Ungeachtet all dieser Unbekannten wird munter weiter an den selbstfahrenden LKW geforscht. Mitverantwortlich dafür ist das Selbstverständnis von Forschern und Unternehmern im Silicon Valley. Firmen wie Google sind damit groß geworden, dass sie Visionen umgesetzt haben, für die es anfangs nicht einmal eine Idee gab, wie man damit Geld verdienen könnte. Das prominenteste Beispiel ist Googles Suchmaschine, die zu Beginn nur Kosten aufwarf, längst jedoch jährliche Gewinne in Milliardenhöhe abwirft. Mit dem gleichen Enthusiasmus entwickelt Alphabet (wie der Mutterkonzern von Google mittlerweile heißt) seine etwas drollig anmutenden selbstfahrenden Autos. Diese sind noch lange nicht serienreif, fahren mittlerweile aber schon in drei verschiedenen Bundesstaaten. Für Normalverdiener sind sie nach wie vor unerschwinglich: Allein der in den Wagen verbaute Laser-Sensor zum Abtasten der Umgebung kostet 75.000 Dollar.

Diese Zahl macht auch deutlich, weshalb nahezu alle Experten davon ausgehen, dass die Automatisierung des Verkehrs zuerst im Frachtgewerbe erfolgen wird. Genau aus diesem Grund haben haben ehemalige Google-Mitarbeiter das Start-up "Otto" gegründet. Sie entwickeln dort Systeme, die bereits in heute zugelassene Zugmaschinen eingebaut werden können und sie so in selbstfahrende LKW verwandeln. Ausgestattet mit Kameras, Radar, Laser sowie einer entsprechenden Software sollen diese LKW vor allem auf ausgewählten Langstrecken in den USA verkehren. Der Trucker hätte in ihnen die Möglichkeit, während der Fahrt seine Ruhepausen einzulegen. Auf den Fahrer würde also nicht verzichtet. Die Maschine jedoch könnte länger im Dienst sein und dadurch rentabler genutzt werden.

Ein anderes Modell für selbstfahrende LKW bietet das sogenannte "Platooning", das Fahren in einer vernetzten Kolonne. Wie gut das bereits funktioniert, haben im April 2016 gleich mehrere große europäische Hersteller unter Beweis gestellt. Daimler, MAN, Scania, Volvo, DAF und Iveco schickten LKWs aus ihren Heimatländern auf die Reise nach Rotterdam. Unterwegs trafen sich die entsprechend ausgerüsteten Fahrzeuge und vernetzten sich miteinander. Im vorne fahrenden Fahrzeug saß ein Fahrer, der die Führung über die Kolonnen übernahm und sowohl Richtung als auch Geschwindigkeit vorgab. In den nachfolgenden LKW saßen zwar ebenfalls noch Fahrer, doch hatten sie nur noch eine überwachende Funktion. Durch automatische Bremssysteme können diese selbstfahrenden LKW in solchen Verbänden mit sehr geringem Abstand fahren. Gespart wird dadurch vor allem Kraftstoff. Derzeit müssen in Europa selbstfahrende Fahrzeuge von Kraftfahrern überwacht werden. Würde diese Regelung aufgeweicht, würde beim Platooning ein einziger Fahrer im vordersten Fahrzeug genügen.

Im selbstfahrenden LKW wird aus dem Berufskraftfahrer ein Pilot

Interessanterweise geht sogar die recht weit in die Zukunft greifende Studie von Morgan Stanley davon aus, dass Kraftfahrer auch in selbstfahrenden LKW notwendig bleiben. Ihre Arbeitsweise und Funktion dürfte sich allerdings erheblich ändern. Die Studie sieht Parallelen zum Berufsfeld der Piloten. In Flugzeugen gibt es den Trend zur Automatisierung schon länger. Selbst bei Starts und Landungen werden Piloten von Software unterstützt. Der Autopilot-Modus während des eigentlichen Flugs ist der Standard. Zu den wichtigsten Aufgaben der Piloten zählt die Kontrolle der Software, die Kommunikation mit den Leitzentralen sowie natürlich die Möglichkeit, im Notfall selbst einzugreifen und das Ruder sprichwörtlich wieder in die Hand zu nehmen.


Für die "Piloten der Straße" käme wohl noch der Sicherungsaspekt hinzu. Schließlich transportieren LKW meist Güter von beträchtlichem Wert. Wären diese gänzlich ohne menschliche Begleitung unterwegs, würden LKW zu leichten Zielen von Kriminellen. Auch auf Pannen und technische Ausfälle kann ein Fahrer an Bord schneller reagieren als eine Leitzentrale, die im Notfall erst einmal Personal zum havarierten Fahrzeug bringen müsste. Die Nächte auf Autobahnraststätten würden dann wohl auch zur Vergangenheit von Berufskraftfahrern zählen. Selbstfahrende LKW sind in jedem Fall teurer als die heute üblichen Fahrzeuge. Damit sie sich rentieren, müssten sie möglichst lange am Stück fahren. Aus diesem Grund würde es sich vermutlich rechnen, die Fahrer unterwegs zu wechseln. Piloten teilen sich ein Flugzeug seit jeher. Ähnlich dürften sich Fahrer künftig selbstfahrende LKW teilen.

Wie selbstfahrende LKW zu einer Diversifizierung der Transportbranche führen könnten

Bei jeder technischen Innovation sind die Investitionskosten anfangs extrem hoch und sinken erst, wenn die Technik zum Standard wird. Das könnte für die vielen kleinen und mittelständischen Betriebe des Güterkraftverkehrsgewerbes in Deutschland zum Problem werden. 60 Prozent der rund 40.000 Betriebe in diesem Sektor haben weniger als fünf Beschäftigte und maximal drei Kraftfahrzeuge, so eine Statistik des Bundesverbandes der Transportunternehmen zum Transportgewerbe in der Bundesrepublik.

Die kleinen und mittleren Betriebe wären mit den Anschaffungskosten für selbstfahrende LKW wohl gerade in den Startjahren überfordert. Große, kapitalstarke Firmen könnten sich rasch einen Vorsprung verschaffen und die (anfänglichen Mehr-)Ausgaben durch Einsparungen bei Personal und Kraftstoff schnell wieder wettmachen. Es erscheint auch nicht abwegig, dass ganz neue Player wie UBS oder Amazon auf den Straßengüterverkehr drängen könnten. Die Folge wäre ein Verdrängungswettbewerb unter den Großen der Branche. In der zu erwartenden Materialschlacht finanzkräftiger Konzerne blieben kleinen und mittleren Transportunternehmen sowie selbstständigen Frachtführern womöglich nur Ladeverkehre auf Kurz- und Mittelstrecken.

Der Konjunktiv ist bei all diesen Aussichten Pflicht. Noch sind die Voraussetzungen für diese Visionen zwar technisch machbar – juristisch und gesellschaftlich durchsetzbar macht sie das noch lange nicht. Gerade in Städten und ländlichen Gebieten schaffen selbstfahrende LKW und Autos Probleme, die niemand wirklich lösen will. In bestimmten Unfallsituationen etwa müsste eine Software darüber entscheiden, ob bspw. entweder das Kind auf der Fahrbahn oder die Passanten auf dem Bürgersteig überfahren werden sollen, falls ein Bremsweg nicht mehr eingehalten werden kann. Es sind solche unlösbaren Dilemmata, die viele Experten dazu veranlassen, selbstfahrende LKW und Autos bestenfalls auf Autobahnen zu erlauben. Ob sich das in einem Land mit der Siedlungsdichte von Deutschland rechnet, ist eine ganz andere Frage.

Fazit

Im besten Fall verheißen selbstfahrende LKW eine Zukunft, in der umweltschonend Kraftstoff gespart wird, es zu weniger Unfällen und weniger Staus kommt. So würde die Produktivität des Transportwesens – und mit ihr die des gesamten Wirtschaftskreislaufes – gesteigert. Aus Berufskraftfahrern würden Piloten, die vor allem für die Sicherheit sowie die Überwachung eines möglichst reibungslosen Transportes verantwortlich wären. Zum Fluch könnten selbstfahrende LKW werden, wenn sie zu einer Konzentration von wenigen Großen im Transportgewerbe führten. Die kurz- und mittelfristig zu erwartenden Preissenkungen für Verlader und Konsumenten würden sich langfristig durch mangelnden Wettbewerb ins Gegenteil verkehren. Angesichts der vielen rechtlichen und ethischen Probleme erscheint zudem wahrscheinlicher, dass selbstfahrende LKW nur auf Langstrecken zum Einsatz kommen werden.

Update Dezember 2016: Vielleicht geht es schneller als erwartet. Ein Video von Zeit Online gibt Einblicke in die fortgeschrittene Entwicklung selbstfahrender LKWs.