Machen Roboter Arbeit bald überflüssig?

Wohl eher nicht. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls die Studie "German Robots – The impact of industrial Robots on Workers" des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsforschung. In ihr wurde erstmals untersucht, wie sich Roboter in der Industrie auf Arbeitsplätze und Löhne in Deutschland auswirken.

Kleiner Spoiler vorweg: der Untergang des Abendlandes wird wohl (wieder einmal) auf später verlegt werden müssen.

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Sind Roboter süß oder Jobkiller? Wie wirkt sich die Automatisierung auf den Arbeitsmarkt aus. Alex Knight on Unsplash

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Roboter und Arbeitsplätze – kleine Geschichte großer Mutmaßungen

Dass Roboter Arbeitsplätze vernichten, ist ein so naheliegender Gedanke, dass er von der Öffentlichkeit nur allzu bereitwillig übernommen wird. Schließlich liegt es ja auf der Hand, dass die Fortschritte der Computerindustrie sowie der künstlichen Intelligenz zwangsläufig zu immer stärkerer Automatisierung führen müssten. Da Roboter schneller und effektiver arbeiten als Menschen, werden letztere schlicht überflüssig, so die gängige Vorstellung.

Bereits 1995 entwarf der amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin in seinem Buch "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft" das Szenario einer Gesellschaft, in der es für Menschen keine Erwerbsarbeit mehr gibt. Rifkin vertrat u.a. die Ansicht, dass bereits 2010 nur noch 12 Prozent der Weltbevölkerung in der Produktion tätig sein würden. Seine Prognosen haben sich als haltlos herausgestellt. Tatsächlich verdoppelte sich zwischen 1980 und 2000 die Zahl der Erwerbsbevölkerung auf der Welt.

Eine (ungenaue) Studie mit Folgen

2013 erregten Carl Benedikt Frey und Michael Osborne – beide sind renommierte Ökonomen der Universität Oxford – Aufsehen mit ihrer Studie zur Arbeitsplatzgefährdung durch Roboter. Demnach wären rund 700 Berufe durch Automatisierung vom Aussterben bedroht. Die OECD folgte dieser Linie und kam in einer eigenen Studie zu dem Schluss, 57 Prozent aller Berufe weltweit würden die nächste Automatisierungswelle nicht überleben. Dass Frey und Osborne lediglich grobe Schätzungen abgaben, ging in der Aufregung über ihre Arbeit unter.

Wie wenig belastbar die Daten von Frey und Osborne waren, zeigten weitere Studien, die auf ihren Daten aufbauten. So kam eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Untersuchung zu dem Schluss, in Deutschland könnten bis zu 42 Prozent der Arbeitsplätze von der Digitalisierung betroffen sein. Die OECD dagegen errechnete, es seien lediglich 12 Prozent der Stellen gefährdet.

In den USA kostet ein neuer Roboter bis zu sechs Arbeitsplätze

Diese Erkenntnis verdankt sich einer Studie der Ökonomen Daron Acemoğlu und Pascual Restrepo vom Massachusetts Institute of Technology. Sie zählten als erste konkret nach, in welchen US-Gegenden zwischen 1990 und 2007 Roboter eingesetzt worden waren und welche Auswirkungen das auf die Arbeitslosenquote hatte. Ihre Ergebnisse sprachen für die These vom Roboter als Jobkiller.

In Gegenden, in denen es viele Roboter gab, stieg die Arbeitslosigkeit. Auch das Lohnniveau der Beschäftigten sank. Jeder neu in Betrieb genommene Roboter war demnach verantwortlich für den Verlust von bis zu sechs Arbeitsplätzen. 670.000 Arbeitsplätze hätten die Vereinigten Staaten demnach zwischen 1990 und 2007 durch Automatisierungen verloren.

Die Studie von Daron Acemoğlu und Pascual Restrepo ist letztlich auch der Ausgangspunkt für die aktuelle Untersuchung des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsforschung. Sie untersuchten erstmals auf ähnliche Weise, welche Folgen sich aus der Einführung von Robotern für den deutschen Arbeitsmarkt ergeben.

Deutschland ist bereits ein Roboterland

Der Einsatz von Robotern in der Industrie ist in Deutschland so weit verbreitet wie in keinem anderem europäischen Land. Gegenüber den USA ist der Abstand sogar noch größer. Bereits 1994 standen in deutschen Werkhallen doppelt so viele Roboter wie im Rest Europas. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten waren es sogar vier Mal so viele. In Zahlen:

Bei den Beschäftigungszahlen zu Deutschland fällt zudem auf, dass der Anteil der in der Industrie Beschäftigen hierzulande nach wie vor vergleichsweise hoch ist. Zwar gingen auch in Deutschland Industriearbeitsplätze in den letzten Jahren verloren, doch bleibt das Beschäftigungsniveau hoch. Liegt der Anteil der Industriearbeit 1995 noch bei knapp 30 Prozent, hält er sich seit den 10er Jahren des neuen Jahrtausends bei stabilen 25 Prozent. In den USA fand dagegen eine regelrechte Deindustrialisierung statt. Der Anteil der Fabrikarbeiter ging dort von 15 Prozent (1995) auf derzeit etwa 8 Prozent herunter.

Deutschland ist nicht übrigens nicht nur ein Land, in dem Roboter besonders gerne eingesetzt werden. Sie werden hier auch produziert. Kuka und ABB schaffen es als einzige Firmen in die Top-10 der weltweit führenden Roboter-Hersteller – in der sich sonst nur japanische Namen finden. In die Top-20 schaffen es sogar fünf deutsche Hersteller – und immerhin auch eine US-amerikanische (Omron).

Vorreiter bei der Automatisierung ist die Automobilindustrie. Hier kommen auf tausend Arbeiter zwischen 60 bis 100 Roboter. In anderen Branchen, vor allem der Dienstleistung, spielen Roboter dagegen nach wie vor so gut wie keine Rolle.

Auch in Deutschland kosten Roboter zwar Stellen, sichern aber Arbeitsplätze

Auf bestehende Stellen in der Produktion wirkt sich der Einsatz von Robotern auch in Deutschland zunächst einmal negativ aus. Im Durchschnitt werden durch einen Roboter in Deutschland zwei Stellen in der Fertigung überflüssig. Da zwischen 1994 und 2014 rund 131.000 Roboter in Deutschlands Fabrikhallen aufgestellt wurde, wurde so rund 275.000 Stellen eingespart.

Der Clou: Die Arbeitslosigkeit stieg dadurch jedoch nicht! Die Beschäftigten fanden Arbeit in anderen Bereichen. Betrachtet man weitere Gründe für den Arbeitsplatzabbau in der Industrie liegt der Anteil der auf Automatisierung zurückzuführen ist bei 23 Prozent. Eine laue Quote für einen Faktor, der angeblich dazu führen soll, dass es bald überhaupt keine Arbeit mehr gibt.

Die Düsseldorfer Studie legt sogar noch einen weiteren Schluss nahe: der Einsatz von Robotern sichert letztlich sogar Arbeitsplätze. Die Untersuchung der Datensätze von insgesamt rund einer Millionen Fabrikarbeitern konnte zeigen, dass die Arbeitsplätze in den Betrieben sicherer sind, in denen Roboter eingeführt wurden. Zwar veränderte sich die Art der Arbeit für die Arbeitnehmer, explizit Arbeitsplätze wurden durch die Einführung von Robotern in Deutschland jedoch nicht gestrichen.

Dafür zumindest mitverantwortlich dürften die Gewerkschaften in Deutschland sein. Sie setzen sich naturgemäß vor allem für bereits bestehende Beschäftigungsverhältnisse ein. Die Arbeitgeber reagierten darauf, indem sie kurz- und mittelfristig neue Arbeit für bestehende Kräfte fanden. Langfristig führt die Automatisierung dennoch zum Stellenabbau. Denn die Zahlen belegen auch deutlich, dass für altersbedingt ausscheidende Industriearbeiter immer seltener Berufsanfänger nachziehen.

Roboter verändern die Struktur des Arbeitsmarktes

Die Düsseldorfer haben sich auch angesehen, wie sich die Automatisierung auf die Gehälter auswirkt. Ergebnis: Führungskräfte, spezialisierte Facharbeiter und Ingenieure profitieren deutlich vom Einzug der Roboter in die deutschen Fabrikhallen. Die höhere Produktivität und die damit steigenden Gewinne werden bevorzugt an Ingenieure und Manager weitergegeben, zumal diese hochqualifizierten Arbeitnehmer in der automatisierten Industrie stärker gebraucht werden.

Arbeiter mit einer einfachen Berufsausbildung (also der typische Facharbeiter) verdienen dagegen deutlich weniger. Das gleiche gilt für Niedrigqualifizierte. Beide Gruppen werden traditionell vor allem für standardisierte Routineabläufe eingesetzt und damit in Bereichen, in denen Roboter klare Vorteile bringen.

Gesamtwirtschaftlich betrachtet, profitiert Deutschland jedoch vom Roboter-Einsatz. Die Durchschnittslöhne bewegen sich auf einem nach wie vor hohen internationalen Niveau. Dass sich das für viele nicht so "anfühlt", hat damit zu tun, dass die Löhne ungleich verteilt sind. Wer gut qualifiziert ist, verdient ungleich mehr. Schlechter Ausgebildete müssen sich mit immer geringeren Löhnen zufrieden geben. Kurz: Die Schere zwischen arm und reich wird durch die Automatisierung größer.

Das "deutsche Jobwunder" trotzt auch der Automatisierung

Deutschland versetzt seit den 2000er Jahren andere Nationen regelmäßig mit seiner hohen Beschäftigungsquote in Erstaunen. Gerade im europäischen Vergleich darf man sich angesichts immer neuer Rekorde bei der Gesamtzahl der Beschäftigten in Deutschland die Augen reiben. Nach Ansicht der Autoren der Düsseldorfer Studie verdankt sich dieses deutsche Jobwunder nicht zuletzt der Bereitschaft deutscher Arbeitnehmer, sich sowohl auf flexiblere Arbeitsverträge einzulassen als auch Lohneinbußen hinzunehmen. Beides sind, so die Autoren der Studie, offenbar auch probate Mittel, um die durch die Automatisierung ausgelöste Disruption des Arbeitsmarktes zumindest abzufedern.