Freier und globaler Handel! Was lange verheißungsvoll und uneingeschränkt positiv klang, wurde in den vergangenen zwei Jahren von einer wachsenden Zahl von Bürgern und Politikern gleichermaßen infrage gestellt. Bestes Beispiel dafür ist der breite gesellschaftliche Widerstand gegen TTIP oder CETA. Geht es um die Ablehnung dieser beiden Handelsabkommen, kommt es zu einer Verbrüderung zwischen politischen und gesellschaftlichen Akteuren, die man eigentlich am entgegengesetzten Meinungsspektrum verortet. Plötzlich scheint es schick, den von David Ricardo bereits im 18. Jahrhundert formulierten Grundsatz, wonach Handel zwischen spezialisierten Nationen zu einem Anstieg des Wohlstands in allen Ländern führt, in Bausch und Bogen abzulehnen.

Eh, maybe not so much "world" trade anymore. Protectionism is the word of the day.

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Ein weiterer Indikator für die zunehmende Popularität dieser Haltung sind die über 170 neuen Handelshemmnisse, die von der WHO seit 2014 registriert wurden - und die alle eins gemein haben: Sie folgen einer protektionistischen Wirtschaftspolitik, die nationale Industrien und Unternehmen vor dem internationalen Wettbewerb zu schützen versucht. Mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ist genau diese Haltung angekommen im Herzen der Nation, die bisher das wirtschaftspolitische Erbe Ricardos wie keine zweite auf der globalen Bühne vorangetrieben hat. Bereits im Wahlkampf hatte Trump deutlich gemacht, wie er sich eine Wirtschaftspolitik vorstellt, die Amerika wieder zu alter Größe führen soll: Strafen gegen amerikanische Unternehmen, die Arbeitsplätze ins Ausland verlegen, Zölle auf chinesische Produkte und die klare Ablehnung von internationalen Handelsabkommen wie TTIP. Knapp drei Wochen nach der Wahl ist zwar noch nicht abzusehen, welche dieser Ankündigungen er tatsächlich in die Tat umsetzen wird. Klar ist aber bereits jetzt, dass Trump mit seiner Haltung zu internationalem Handel nicht alleine steht, sondern sich - global betrachtet - in bester Gesellschaft befindet. Für uns als digitale Spedition, die direkt vom Handel mit Waren abhängig ist, stellt sich die Frage, welche Konsequenzen eine zunehmend protektionistische Wirtschaftspolitik auf den Logistikbereich haben könnte. Auf welche Entwicklungen müssen sich handeltreibende Unternehmen und angegliederte Industriezweige einstellen?

Lokalität als Stärke

In den meisten Branchen ist laut dem Monitoring-Dienstleister Global Trade Alert damit zu rechnen, dass eine Verschiebung der Marktanteile zugunsten starker, lokaler Akteure zu beobachten sein wird. Was heute bereits Alltag für deutsche Autohersteller ist, nämlich die Produktion ganzer Autos in den USA, wird auch für andere Hersteller eine Option werden. Denn wenn auf den Import bestimmter Warengruppen Zölle erhoben werden, lohnt sich für die meisten Industrien die Direktinvestition in den Aufbau eigener Produktionsstätten in den Zielmärkten selbst. Eine Konsequenz wäre demnach die Zunahme von Direktinvestitionen in absatzstarken Märkten zum Aufbau lokaler Produktionsstätten.

Regionale Logistik versus globale Logistik

Für die Logistik könnte das zur Folge haben, dass wir eine noch größere Zersplitterung des Marktes in kleine, regional agierende Partner sehen. Wenn anstelle des globalen Transports von Gütern verstärkt die lokale Produktion und Fertigung tritt, nimmt die Nachfrage nach globalen Logistikleistungen entsprechend zugunsten der regionalen Transportanfragen ab. Es wird interessant sein, zu sehen, in welcher Form die großen, international agierenden Logistiker wie DHL diese Entwicklung zu spüren bekommen - und was für strategische Maßnahmen sie ergreifen werden. Das gilt insbesondere dann, wenn der allgemeine Trend hin zu mehr Protektionismus durch entsprechende Entscheidungen Trumps noch verstärkt wird.

Lokalisierung des Einkaufs

Wenn verstärkt lokal produziert wird, ist davon auszugehen, dass der Einkauf auch verstärkt lokal organisiert wird. Das heißt, dass anstelle internationaler Handelsverbindungen zur Abwicklung regelmäßiger Warenlieferungen der Handel mit lokal produzierenden Unternehmen treten wird. Dadurch wird sich die Nachfrage nach internationalen Logistikleistungen aller Voraussicht nach abschwächen, was wiederum zu einer Stärkung, kleinerer, lokal agierender Logistiker führen würde.

Wie sich die Logistik in den nächsten Jahren tatsächlich verändern wird, kommt schlußendlich einem Blick in die Glaskugel gleich: Sollte Donald Trump als Präsident der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt seine Vision einer protektionistischen Wirtschaftspolitik durchsetzen, hätte das in der Tat weitreichende Folgen für alle Teilnehmer des globalen Wirtschaftskreislaufs. Mit Hinblick auf den Warentransport ist es nicht unwahrscheinlich, dass lokale Akteure davon profitieren würden. In Stein gemeißelt ist die Sache aber noch lange nicht. Visionen sind - nicht zuletzt bei Herrn Trump - nur Gedankenkonstrukte. Warten wir also einfach mal ab!