Der Anblick von Kommissionierern, die mit Klemmbrett und Pickzettel ins Lager marschieren (Pick-by-Paper), gehört zwar noch immer zum Logistik-Alltag, wird jedoch allmählich immer seltener. Digitale Methoden sind auch hier klar auf dem Vormarsch. Sie sind trotz hoher Anschaffungskosten wirtschaftlicher, zumal sie alle helfen, Pick-Fehler und die damit einhergehenden (oft kostenintensiven) Folgen zu vermeiden. Während der mobile Scanner (Pick-by-Scan) seine beste Zeit wohl schon hinter sich hat, konkurrieren vor allem drei Kommissionierungsmethoden um den Platz an der Spitze der Zukunft: Pick-by-Voice, Pick-by-Light sowie Pick-by-Vision. Frachtraum stellt die Methoden kurz vor und beleuchtet ihre jeweiligen Vor- und Nachteile.

Auch die Kommissionierung wird künftig digital ablaufen – Symbolfoto eines Lagers mit Gabelstapler READMORE Die Gretchenfrage der Intralogistik: Wie finden Kommissionierer und Artikel zusammen? (Sean Mulgrew / CC BY-SA 2.0)

Was Pick-by-Technologien leisten müssen – das kleine ABC der Kommissionierung

Um Pick-by-Technologien einschätzen zu können, lohnt es sich, sich zu vergegenwärtigen, was diese leisten sollen: Im Kern geht es bei der Kommissionierung immer darum, möglichst effektiv zur richtigen Zeit, den richtigen Artikel in den richtigen Behälter für den Transport (oder die Produktion) zur Verfügung zu stellen. Knackpunkt jedes Kommissionierungsverfahrens ist seine Effektivität. Diese ergibt sich vor allem aus der Kommissionierzeit sowie der Genauigkeit, mit der die Aufträge abgearbeitet werden. Die Kommissionierzeit wiederum setzt sich zusammen aus der

Auf dieser Basis lässt sich als Qualität eines Pick-by-Systems bestimmen, wie es die jeweiligen Zeiten verkürzt und dabei zugleich Pick-Fehler vermeidet. Die Aufteilung der Kommissionierzeiten verdeutlicht zugleich, dass der Einsatz des Kommissionierungssystems immer auch davon abhängt, ob jeweils kleine Warenmengen versandfertig zu machen sind oder ob mit großen Waren in geringer Losgröße umzugehen ist. Die Vor- und Nachteile der einzelnen Pick-by-Technologien sind daher auch branchen- und betriebsabhängig zu werten.

Pick-by-Paper

Vorteile:

Die Kommissionierung mittels Pickzettel ist nach wie vor die am häufigsten verbreitete Pick-by-Technologie. Sie erfordert keine Investition in Technik oder Ausrüstung, ist leicht zu erklären (geringer Schulungsaufwand) und flexibel erweiterbar. Üblicherweise erhält der Mitarbeiter eine Liste der zu kommissionierenden Ware, auf der Artikelnummer, Menge und Lagerplatz eingetragen sind. Sobald die Ware entnommen wurde, wird dies in der Liste vermerkt (abgehakt).

Nachteile:

Um den Material- bzw. Warenfluss zu dokumentieren, muss die Liste später nachträglich ins ERP-System übertragen werden. Pick-by-Paper ist das vermutlich fehleranfälligste Verfahren der Kommissionierung. Es setzt eine gute Kenntnis des Lagers voraus und provoziert zudem viele Fehlgriffe, da es beim Picken keine Kontrollmechanismen gibt. Zudem hat der Mitarbeiter seine Hände nicht frei, was zu hohen Nebenzeiten führt. Werden Fehler gemacht, kosten sie viel Zeit. Denn die oben beschriebenen Kommissionierzeiten müssen dann meist alle nochmals neu durchlaufen werden.

Pick-by-Scan

Vorteile:

Erfolgt die Kommissionierung mithilfe eines mobilen Scanners (Handheld-Computer) und via Barcode oder RFID, verringert sich gegenüber dem klassischen Pickzettel die Fehlerquote. Der Mitarbeiter erhält unmittelbar beim Picken ein Feedback, ob es sich um den richtigen Artikel handelt. Der Materialfluss kann in Echtzeit vom ERP- bzw. Lagerverwaltungssystem erfasst werden. Für große und schwere Artikel sowie Geringdreher gilt die Methode als nach wie vor bewährt, zumal auch die Verknüpfung mit Staplerleitsystemen (und dem Datenterminal am Stapler) möglich ist.

Nachteile:

Auch hier haben die Mitarbeiter die Hände nicht frei (es gibt allerdings auch Hersteller, die Scan-Handschuhe anbieten, auf denen der Scanner quasi zum Teil der Hand wird). Im Vergleich zur klassischen Methode via Pickzettel sind hohe Investitionen notwendig. Für mittel- und schnelldrehende Artikel ist der Kommissionierungsvorgang eher umständlich und zu behäbig. Neuere Pick-by-Technologien arbeiten gerade in diesen Bereichen schneller und präziser.

Pick-by-Voice

Vorteile:

Pick-by-Voice zählt zu den ausgereiften und vielfach bewährten Kommissionierungstechniken, mit der sich die Kommissionierungsleistung um bis zu 30 Prozent steigern lässt. Möglich wird das u.a. dadurch, dass die Mitarbeiter stets die Hände frei haben. Ihre Aufträge erhalten sie via Headset von der Computerstimme des Lagerverwaltungssystems. Mensch-Maschine kommunizieren hier also direkt miteinander, dies betrifft u.a. auch die Überprüfung des richtigen Artikels und der Entnahmemenge. Ist der Auftrag erledigt, teilt der Kommissionierer das ebenfalls per Spracheingabe dem System mit. Die Mitarbeiter sind dadurch hochflexibel. Der Materialfluss wird in Echtzeit erfasst.

Um die Spracheingaben neuer Mitarbeiter (unterschiedliche Dialekte, Akzente und ähnliches) zu erfassen, bedarf es eines Sprachtrainings. Meist reicht dafür jedoch eine Sitzung. Die Pick-by-Voice-Technologie lässt sich in der Regel leicht in vorhandene EDV-Systeme integrieren. Die Schulung der Mitarbeiter ist denkbar kurz, sie können rasch eingesetzt werden.

Nachteile:

Der Lärmpegel in Lagerhallen darf nicht allzu hoch sein. Geräusche von Ventilatoren, Motoren oder Gabelstaplern können zwar ins Sprachtraining des Systems einbezogen werden, Störungen lassen sich jedoch nicht ganz ausschließen. Häufig kommt es auch bei den Mitarbeitern am Ende des Arbeitstages durch Müdigkeit zu unpräzisen Spracheingaben, durch die sich die Kommissionierzeit verlängert. Je nach Region und Mitarbeiterstamm muss das Programm aufwändig in mehreren Sprachen gepflegt werden.

Pick-by-Light

Vorteile:

Distributionszentren mit vorwiegend schnelldrehenden Artikeln setzen heutzutage vorzugsweise auf die Pick-by-Light-Technologie. Sie ermöglicht eine sehr hohe Pickleistung bei weitestgehender Vermeidung von Fehlgriffen. Das Prinzip beruht auf der Führung des Kommissionierers durch ein Farbleitsystem. Dieses führt ihn zum richtigen Fach. Ist er dort angekommen wird direkt am Fach die zu entnehmende Menge angezeigt. Dort quittiert der Mitarbeiter auch die Entnahme, sodass der Vorgang in Echtzeit vom Lagerverwaltungssystem erfasst wird.

Die Kommissionierer haben ihre Hände ständig frei und können daher entsprechend schnell agieren. Häufig wird das System auch als Put-to-Light-System verwendet: der Mensch verteilt dann die Ware gemäß der lichtgeführten Steuerung. Die Anlernzeit für das System ist kurz, es kann auch in lauten Arbeitsumgebungen und mit Personal eingesetzt werden, das viele verschiedene Sprachen spricht.

Nachteile:

Die Kosten für Anschaffung und Wartung sind hoch. Fallen die Displays aus und wird das nicht rechtzeitig erkannt, führt das zu erheblichen Fehlern in der Kommissionierung. Will man das System erweitern, ist das zeitaufwändig und es fallen weitere Kosten an.

Das Frauenhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) hat daher bereits eine Pick-by-Ink-Technik ersonnen, die ohne Verkabelung und ohne ständigen Batteriewechsel funktionieren soll. Die Kisten werden dafür einfach mit einem E-Ink-Display ausgestattet. Das Display kommuniziert mit dem Kommissioniersystem und lenkt so den Mitarbeiter wie es die heute auf dem Markt üblichen Pick-by-Light-Systeme auch tun. Der Unterschied: das System wird auf diese Weise modular, kann also beliebig nach Bedarf ab- oder aufgestockt werden.

Pick-by-Vision

Vorteile:

Die Pick-by-Vision-Technologie gilt mittlerweile als marktreif. Das liegt vor allem daran, dass bei der Entwicklung des zentralen Hilfsmittels dieser Technologie, der Datenbrille (auch "Smart Glasses", "Wareable" oder allgemeiner "Head-Mounted-Display" genannt), enorme Fortschritte gemacht wurden. In der Öffentlichkeit diskutiert wurde vor allem die 2012 groß angekündigte Google Glass Datenbrille. Sie schaffte es allerdings nie zur Marktreife, sorgte aber für allerlei Debatten, inklusive bis heute zu spürender Vorbehalte gegenüber dieser Technik – vor allem hinsichtlich etlicher Datenschutzfragen, die sich im Alltagsgebrauch solcher Brillen stellen. Für den Einsatz im Lagerbereich sieht die Sache jedoch anders aus.

Neuere Datenbrillen (wie die HoloLens von Microsoft) bieten weit mehr als einen ins Brillenglas integrierten Bildschirm. Um die Google Glass zu bedienen, musste der Anwender für jeden Befehl ans Brillengestell tippen. Letztlich hatte man so die Hände nicht frei. Die HoloLens aus dem Jahr 2017 dagegen fußt auf einem anderen Konzept. Der Benutzer blickt durch die Brille auf die reale Welt (das Lager) und erhält zugleich virtuelle Informationen eingespielt. Soll eine bestimmte Kiste aus einem Regal geholt werden, wird sie durch die Brille beispielsweise rot markiert und dadurch als Zielobjekt erkennbar. Zugleich erfasst die Brille die Gesten des Brillenträgers und bezieht sie in die virtuelle Wiedergabe der Realität mit ein. Wirklichkeit und Augmented Reality verschmelzen miteinander.

Im Ergebnis kann dem Kommissionierer via Datenbrille sowohl akustisch wie optisch mitgeteilt werden, wo er welchen Pick durchführen soll. Das System ermöglicht eine hohe Pickgeschwindigkeit bei niedriger Fehlerquote, ist für nahezu alle Lagertypen geeignet und hochflexibel an unterschiedlichsten Orten und für verschiedenste Aufgaben einsetzbar. Im Vergleich zu Pick-by-Light-Systemen sind die Anschaffungskosten niedrig. Gegenüber Pick-by-Voice punktet Pick-by-Vision durch seine Einsetzbarkeit auch in lauten Umgebungen. Durch die intuitive Bedienerführung lassen sich Mitarbeiter schnell neu in das System einarbeiten. Die früher oft kritisierten Akkulaufzeiten sind mittlerweile kein Problem mehr, sie halten meist zehn Stunden und länger durch. Dank ihres geringen Gewichtes lassen sie sich auch gut über mehrere Stunden hinweg tragen.

Nachteile:

Die Pick-by-Vision-Technologie muss sich erst noch bewähren und durchsetzen. Wie robust die Brillen der jüngeren Generation sind, kann sich nur in der Praxis erweisen. Das System erfordert mitunter auch zusätzliche Investitionen, so wird z.B. ein gut funktionierendes WLAN-Netz im Lager vorausgesetzt.

Fazit

Mittelfristig wird es wohl beim Dreiklang der Pick-by-Technologien aus Pick-by-Voice, Pick-by-Light und Pick-by-Vision bleiben. Das letztgenannte Verfahren vereinigt jedoch als einziges System alle Vorteile der jeweils anderen Methoden auf sich und verspricht dabei sogar noch einmal Effizienzsteigerungen. Das heute noch so beliebte Klemmbrett mit der Pickliste dürfte daher in Zukunft wohl durch die Datenbrille ersetzt werden. Welcher Pick-by-Technologie gehört die Zukunft in der Intralogistik?