Der Palettentausch ist für Logistikunternehmen meist Fluch und Segen zugleich. Dabei sind Paletten zweifellos nützliche Helfer. Die nach DIN EN 13698-1 normierten Ladeträger sind flexibel genug, um damit Güter unterschiedlichster Branchen, Art und Herkunft (gemäß Güternorm UIC 435/2) sicher zu transportieren. Die gängigen Vierwegpaletten können zudem von allen vier Seiten mit einem Hubwagen oder Gabelstapler angehoben und befördert werden. Das rasche Ein- und Ausladen an der Rampe zählt zu den Stärken der Palette, obwohl genau dort auch die meisten Probleme entstehen (dazu gleich mehr). Damit die Lademittel möglichst immer dort bereitstehen, wo sie zum Einsatz kommen sollen, werden die Paletten sinnvollerweise getauscht.

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Das Prinzip des Palettentauschs beruht auf dem Gedanken der Zirkelwirtschaft. Wird eine Fracht auf 30 Europaletten angeliefert, erhält der Frachtführer vom Empfänger 30 Europaletten im Tausch zurück. Im Idealfall fährt der LKW dann mit 30 leeren Paletten zu seinem nächsten Kunden. Dort übergibt er die leeren Paletten im Tausch gegen eine Fracht, die auf wiederum 30 Europaletten gepackt wird. Das Prinzip ermöglicht in der Theorie einen reibungslosen Austausch von Lademitteln. Wie so oft hält sich die Praxis nicht gern an die so schön ausgedachte Theorie.

Der Palettentausch birgt einige Fallgruben

Nur selten erhält ein Frachtführer genau die Anzahl an Leerpaletten, die bei der nächsten Beladestelle abgegeben werden sollen. Häufig kommt es daher zu "Palettenschulden", die dokumentiert und später ausgeglichen oder verrechnet werden müssen. Ohnehin ist es mit einem einfachen Hin und Her von Paletten nicht getan: Beim Palettentausch muss die Anzahl der Ladeträger ebenso festgehalten werden wie die Qualität der Holzträger. Da an der Rampe für die Qualitätsprüfung nur wenig Zeit zur Verfügung steht, kann es über die Qualität der getauschten Paletten zu Differenzen kommen. Missstände über minderwertige Paletten müssen daher genau dokumentiert werden.

Seit 2014 existiert für die Qualifizierung von Paletten im Palettentausch eine feste Typenbeschreibung. Mit ihrer Hilfe lassen sich Paletten in gebrauchsfähige und nicht-gebrauchsfähige Klassen einteilen. Erstellt wurde diese Typisierung von der neutralen Plattform G1. Die neutrale Anlaufstelle konnte sicherstellen, dass die unterschiedlichen Interessen aus Handel, Industrie und Logistik sowie der Palettendienstleister in den Kriterienkatalog miteinfließen konnten.

Die Typisierung ermöglicht eine schnelle Einordnung der Palettenqualität in die Klassen NEU, KLASSE A, B oder C sowie die Klasse NICHT GEBRAUCHSFÄHIG. Der früher übliche Begriff "tauschfähig" wurde dabei bewusst durch das präzisere "gebrauchsfähig" ersetzt, um mehr Klarheit an der Rampe zu schaffen.

Die Klassifizierung von Ladeträgern im Palettentausch laut GS1 Typbeschreibung

  1. NEU: gebrauchsfähig für Lagerung, Transport und die Beförderung auf Roll- und Kettenförderern (auch hochregallagerfähig)
  2. KLASSE A: gelten als ebenso gebrauchsfähig wie neue Paletten. Sie dürfen leichte Gebrauchsspuren ausweisen, jedoch nicht verschmutzt sein. Es gibt keine Anhaftungen etwa aus Pappe oder Folie, keine Absplitterungen des Holzes. Die Eckklötze sitzen korrekt, die Eck-Kennzeichen wie EPAL, UIC oder EUR sind gut lesbar. Klasse A Paletten dürfen bereits lizenziert repariert worden sein.
  3. KLASSE B: gelten als ebenso gebrauchsfähig wie neue oder A-Paletten. Zu erkennen ist eine Palette der Klasse B typischerweise am nachgedunkelten Holz und den Gebrauchsspuren. Ansonsten gelten die gleichen Kriterien wie bei Klasse A.
  4. KLASSE C: nur noch gebrauchsfähig für Lagerung und Transport. Das Holz ist in dieser Klasse typischerweise dunkel, es darf Gebrauchsspuren und auch Oberflächenfeuchtigkeit durch den Gebrauch von Obst oder Gemüse aufweisen. Zulässig sind hier auch Verunreinigungen - allerdings nur, wenn sie nicht ans Ladegut abgegeben werden können. Toleriert werden zudem Absplitterungen und ein leichtes Verdrehen der Eckklötze (mit einem Überstand von unter 1cm). Anhaftungen an der Palette sind KEIN Grund, sie als nicht mehr gebrauchsfähig zu kategorisieren (das war vor 2014 anders). Werden die Anhaftungen entfernt, kann die Palette unter Umständen auch wieder höher klassifiziert werden.
  5. NICHT GEBRAUCHSFÄHIG: diese Paletten müssen erst repariert werden, ehe sie wieder im offenen Palettentauschpool eingesetzt werden dürfen. Die Reparatur ist nur durch lizenzierte Betriebe zulässig. Die Kriterien für den Ausschluss aus dem Tauschpool sind:

Die Qualitätsklassifizierung von GS1 gestattet ausdrücklich zwei Methoden, Paletten wieder gebrauchsfähig zu machen:

  1. Sind die Bretter lediglich durchnässt oder verschmutzt, dürfen sie gereinigt bzw. getrocknet werden.
  2. Stehen Nägel oder andere Befestigungselemente über, dürfen diese eingeschlagen werden.

Digitales Palettentauschmanagement spart Kosten

Der von Palettendienstleistern (wie EPAL oder WORLD) gerne verwendete Begriff des Europalettentauschpools führt oft zu Missverständnissen. Er suggeriert, dass es sich um ein geschlossenes System mit einer zentralen Anlaufstelle handelt. Tatsächlich gibt es eine solche Zentrale jedoch nicht. Ein Palettentausch beruht daher immer auf einer Individualvereinbarung zwischen den Vertragsparteien. Paletten müssen also nicht zwangsläufig getauscht werden. Es ist auch möglich, die Paletten zu mieten oder weiterzuverkaufen. Ein Beispiel dafür ist das Logistik-Konzept des Weiterverkaufs mit Mehrwert des Palettenherstellers Falkenhahn – Europaletten-Lizenzgeber wie CHEP oder LPR bieten weitere alternative Modelle an.

An der Notwendigkeit, den Zustand der übernommenen oder abgegebenen Paletten zu dokumentieren, ändern diese Alternativen freilich nichts. Klassisch wird zur Dokumentation ein Palettenschein ausgestellt. Vordrucke sehen dabei oft nur die Angaben über Be- und Entladestelle sowie die Anzahl der getauschten Paletten vor. Mängel müssen extra notiert und festgehalten werden. In der Papierform bringt ein Palettentausch dadurch nicht selten eine wahre Papierflut mit sich. Mit der fortschreitenden Digitalisierung im Supply Chain Management wird diese Praxis immer mehr zum Ärgernis.

GS1 plant daher einen Palettenschein, der nicht nur eine einheitliche Dokumentation des Palettentauschs ermöglicht, sondern auch den Handel mit Palettenscheinen. Palettenschulden wären dann einfach übertragbar und könnten von Dritten eingelöst werden. Um diese Anforderungen zu realisieren, soll der digitale GS1-Palettenschein mit folgenden Features und Inhalten ausgestattet sein:

Ob der GS1-Palettenschein tatsächlich kommt, ist derzeit noch unklar. Andere Ansätze sind ganzheitlicher, wie der Blick auf die Möglichkeiten zeigt, die eine moderne, digitale Spedition wie Frachtraum bietet: Die Transport-Organisation erfolgt hier komplett digital. Notwendige Angaben über den Palettentausch werden im digitalen Transport-Journal unkompliziert und papierfrei festgehalten. Schadhafte Paletten etwa können einfach abfotografiert werden. Sobald das Foto hochgeladen wurde, ist es allen Beteiligten in Echtzeit zugänglich. Der in Papierform große administrative Aufwand wird in der digitalen Spedition auf ein Minimum zurechtgestutzt - kräftige Kostensenkungen inklusive.