Der Onlinehandel wird nicht nur das Gesicht unserer Innenstädte verändern. Auch die Logistik steht durch diesen (noch immer recht neuen) Partner vor ganz neuen Herausforderungen. Dass diese sich zugleich erstmals global stellen, ist ein wesentliches Merkmal dieser Entwicklung. Die Deutsche Post DHL hat in einer Studie mögliche Zukunftsszenarien dazu entwickelt. Sie geben Auskunft darüber, mit welchen Implikationen die Logistik-Branche in Zukunft noch durch den Siegeszug des im im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch E-Tailing (Abkürzung für "electronic retailing", "elektronischer Einzelhandel") genannten Handels über den Vertriebsweg Internet zu rechnen hat.

Drohnen dürften schon bald zur Logistik des Onlinehandels dazugehören READMORE Drohnen dürften schon bald zur Logistik des Onlinehandels dazugehören ... (Goh Rhy Yan on Unsplash)

Wie der Onlinehandel die Welt verändert – vier Szenarien

Die DHL-Studie bedient sich der Szenariotechnik. Zu den Vorzügen dieser Methode zählt, dass sie nicht so tun muss, als könne sie wirklich in die Zukunft sehen. Statt belastbarer Prognosen geht es vielmehr um mögliche Entwicklungspfade, um Gedankenspiele, mit denen sich Risiken, aber auch Chancen der künftigen Entwicklung von Onlinehandel und Logistik ausloten lassen.

Die Studie geht von vier Szenarien aus:

  1. Hybrider Konsum in konvergenten HandelsweltenSzenario 1 zeichnet ein graues Zukunftsbild und geht von einer weltweiten Leistungsgesellschaft mit vielen sozialen Gegensätzen aus. Die Wirtschaften wachsen nur mäßig, der Fortschritt der Technik ist moderat. Güter und Waren werden meist sowohl online als auch in stationären Shops gehandelt, wobei die Geschäfte in der Regel jedoch nur noch eine Art Showroom sind. Für die überwiegende Zahl der Kunden ist der Preis das entscheidende Kaufkriterium. Gekauft wird vorwiegend online, geliefert wird zeitnah und an jeden gewünschten Ort.
  2. Selbstinszenierung in virtuellen GemeinschaftenSzenario 2 blickt durch rosarote Gläser auf die Welt und skizziert eine kaufkräftige, globale Mittelschicht, für die Konsum vor allem dazu da ist, sich permanent selbst zu bestätigen. Die Menschen sind gut vernetzt in Lifestyle-Communities, die auch das Kaufverhalten der Menschen stark beeinflussen. Große Onlinehändler bedienen diese Märkte, während stationäre Geschäfte sich auf Erlebniseinkäufe konzentrieren. Da fast alles nur noch online bestellt und ausgeliefert wird, regulieren die Kommunen der Ballungsräume die Zustellung, um dem Verkehrsinfarkt zu entgehen.
  3. Künstliche Intelligenz im digitalen HandelskosmosSzenario 3 wirft ein transparentes Licht auf eine Welt mit großen, technischen Fortschritten. Eingekauft wird in Webshops, die sich dem Profil und den Wünschen des jeweiligen Käufers anpassen. Avatare dienen als Verkaufsberater und bieten Simulationen an, die den Kauf schon vorab erlebbar machen. Dank ausgefeilter Informationstechnik verschickt der Online Waren oft schon, noch ehe der Kunde sie bestellt hat.
  4. Kollaborativer Konsum in einer regionalisierten HandelslandschaftSzenario 4 malt ein grünes Bild der Zukunft. Da Energie und Rohstoffe knapp geworden sind, wird vor allem regional gewirtschaftet. Sharing- und Tauschwirtschaft blühen. Die große Onlineportale sind entsprechend vor allem im Leasinggeschäft tätig. Logistiker liefern nicht nur Waren aus, sondern bieten auch Reparaturen und Ersatzteile an.

Szenario 1 – die Welt von morgen gleicht der Welt von heute

Das Wachstum der Weltwirtschaft geht in diesem Szenario vor allem von Asien aus. Die Märkte in Europa und den USA sind 2025 stabil, allerdings ist die Kaufkraft nur wenig gestiegen. Die Gesellschaften verändern sich durch überalterte Bevölkerungen. Trotz sinkender Produktivität sind immer höhere Sozialkosten zu meistern.

Beim Konsum verstärken sich zwei Trends, die schon heute dominieren: Wohlhabende setzen auf Convenience, während für den überwiegenden Rest der Weltbevölkerung der Preis das entscheidende Kriterium der Kaufentscheidung ist. Das führt zu einem hybriden Kaufverhalten: der Alltag ist bestimmt von günstigen Discount-Artikeln, zugleich wird gespart auf Premiumartikel, die als Statussymbole dienen.

Die schon heute überall gegenwärtigen interaktiven Displays sind 2025 noch flexibler einsetzbar, da sie auf- oder zusammengerollt werden können. Dadurch findet der Onlinehandel quasi immer und überall eine (digitale) Plattform. Daten treiben die Wirtschaft und beeinflussen den Alltag der Menschen. Der Verbraucher wird noch gläserner und zugleich noch anspruchsvoller.

Es vollzieht sich ein Mentalitätswechsel, in dem der Kunde nicht nur König ist, sondern sich auch wie Tyrann aufführen darf. Waren müssen am gleichen Tag ausgeliefert werden, an denen sie bestellt werden. Auch stationäre Geschäfte liefern ihre Waren frei Haus an ihre Kunden. Bestellungen aus dem Ausland sind nichts Außergewöhnliches mehr.

Entsprechend wachsen die weltweiten Transportvolumina. Davon profitieren vor allem die großen, global agierenden Logistikunternehmen. Sie stellen auch die Versorgung mit E-Tailing-Lieferungen in den eher ländlichen Regionen Asiens oder Afrikas sicher. Dort spielt der Liefertermin keine so große Rolle. Wichtig ist, dass überhaupt online bestellt werden kann und die Ware zum Empfänger kommt.

Szenario 2 – alles wird gut, die Wirtschaft brummt, die Welt wird zum Freizeitpark

Neben dem technologischen Fortschritt boomt die Weltwirtschaft vor allem dank mutiger Liberalisierungen. Die Energie- und Rohstoffpreise bleiben niedrig. Darunter leidet lediglich Russland, während die drei anderen BRIC-Staaten – Brasilien, Indien und China – ihren Status als Schwellenland hinter sich lassen. Dadurch entwickelt sich erstmals in der Geschichte ein globaler Mittelstand, auch in Afrika, zumindest in den stabilen Wirtschaftszonen wie Südafrika und Nigeria.

Der starke Mittelstand will das Leben genießen. Mit anderen geteilte, gemeinsame Erlebnisse sind dafür wichtiger als das Ansammeln von Statussymbolen. Den meisten Menschen geht es eher darum, Teil einer bestimmten Community zu sein. Entsprechende Online-Communities boomen. Teilweise handelt es sich dabei sogar um geschlossene Gemeinschaften, auf die kein Außenstehender Zugriff hat. Das Marketing greift so nur innerhalb der Community, etwa indem die Mitglieder dieser Interessens-Gemeinschaften miteinander Kaufempfehlungen teilen. Das wird sich auch auf Logistiker auswirken. Von ihnen wird mehr Fachkompetenz gefordert. Sie liefern nicht aus, sondern informieren auch über die Ware und sind für Kunden kompetente Ansprechpartner. Zu erwarten ist, dass es viele Nischen gibt, auf die sich kleinere Firmen spezialisieren.

Geshoppt wird über Wearables, die zugleich Daten ihrer Träger erfassen, sodass auch in diesem Szenario Kunden von Verkäufern erwarten, dass Kundenwünsche antizipiert werden. Das gilt so dann auch für Logistiker, die sich in puncto Liefergeschwindigkeit und Lieferort auf den Endkunden einstellen müssen. Erschwert wird diese Aufgabe durch einen heterogenen Onlinehandel, der einerseits von großen Plattformen für Mainstream-Produkte dominiert wird, andererseits aber auch viel Platz für kleine, hochspezialisierte Onlinehändler bietet, die Lifestyle-Nischen bedienen. Hinzu kommt eine Renaissance des stationären Handels, der mit Erlebniseinkäufen lockt.

Begehrt ist zudem alles, was als authentisch und echt gilt. Dieser Trend wird auch Auswirkungen auf die Logistik haben. Sie wird häufig dazu aufgefordert sein, Echtheitsnachweise quasi mitzuliefern. Eine mögliche Lösung dafür bietet die Blockchain-Technologie.

Viele Logistikfirmen schließen sich in Kooperativen zusammen. Gerade in den Innenstädten und Ballungsräumen werden Lieferverkehre zusammengelegt, um so den Verkehr nicht mehr zu belasten als unbedingt notwendig.

Szenario 3 – die Maschine denkt und lenkt, der Mensch genießt

Die Automatisierung der Wirtschaft ist weit fortgeschritten. IT bestimmt auch den Alltag der meisten Menschen. Im Onlinehandel sind es die Kunden gewohnt, von Avataren (mit künstlicher Intelligenz) durch den Verkaufsprozess geführt zu werden. Praktisch jedes Ding und jede Aktion wird durch Sensoren erfasst und so in den Rohstoff Daten verwandelt. Onlineplattformen und -shops passen sich so auch den Bedürfnissen des jeweiligen Kunden in Echtzeit an. Üblich wird der "Vorab-Verkauf", bei dem Kunden von Händler zugestellt bekommen, obwohl diese die Ware gar nicht bestellt haben. Logistiker dürfen mit einem erhöhten Retouren-Geschäft rechnen. Drohnen helfen mit, Services wie Same-Hour-Delivery anbieten zu können.

Auch Szenario 3 setzt Logistikunternehmen unter einen hohen Kooperationsdruck, da nur durch enge Abstimmung die Transportvolumina abgearbeitet werden können. Diese werden durch das Internet der Dinge beständig anwachsen. Geht beispielsweise im Haushalt etwas kaputt, bestellt "die Haustechnik" automatisch dafür Ersatz. Große Onlinehändler werden dafür eigene Lieferdienste auf- bzw. ausbauen. Das hat für sie und ihre Kunden auch den Vorteil, eigene (ebenfalls automatisierte) Bezahl- und Abrechnungssysteme aufbauen zu können, die Teil dieser vollautomatisieren Verkaufs- und Lieferwelt sind.

Logistikunternehmen kontern diese für sie verschlossenen Lieferketten, indem sie etwa besonders gesicherte Lieferketten (High Security Delivery) anbieten, durch die Waren und die damit verbundenen Daten besonders geschützt sind. National wie international dominieren große Logistiker. Nur sie sind in der Lage die hohen Investitionen zu stemmen, die etwa für die mit Sensoren ausgestatteten Lieferfahrzeuge, Packstationen und Paketkästen sowie der dahinterstehenden Datenverarbeitung notwendig sind.

Szenario 4 – ressourcenschonendes Wirtschaften mit regionalem Fokus

Eine weitere Finanzkrise lässt in diesem Szenario die Weltwirtschaft des Jahres 2025 stagnieren. Es fehlt an Geld für den Konsum, Rohstoffe sind knapp, die Energiekosten hoch. Weltweit versuchen die Menschen die Folgen der Krise durch größeren Gemeinschaftssinn zu minimieren. Der globale Welthandel von heute existiert 2025 nicht mehr. Stattdessen wird weit mehr als heute innerhalb der Regionen, also innerhalb etwa der EU, der ASEAN-Staaten oder in China, Handel getrieben.

Prägendes Wirtschaftsmodell in diesem Szenario ist die Tauschwirtschaft. Sharing-Modelle haben Konjunktur. Da für den privaten Konsum das Geld fehlt, wird sehr bewusst eingekauft. Wann immer möglich, werden Anschaffungen mit anderen geteilt. Die nach wie vor nicht gelösten Umweltprobleme sowie die drohende soziale Spaltung der Gesellschaften führen dazu, dass Konsumenten großen Wert auf den sozial-ökologischen Fußabdruck von Produkten legen. Car-Sharing-Firmen boomen ebenso wie Plattformen, die Reparaturen oder DIY-Produkte anbieten. Regionales steht in der Gunst der Käufer, Importwaren sind eher verpönt.

In den Gesellschaften entwickelt sich ein hohes Bewusstsein dafür, Gütertransporte möglichst zu vermeiden. Statt beispielsweise alle zwei Jahre ein neues Smartphone zu erwerben, kommen modulare Smartphones in Mode, die eine leichten Austausch kaputter Teile ermöglichen.

Für Logistiker folgen aus diesem Szenario geringere Transportvolumina. Insbesondere große, global agierende Logistikunternehmen müssten mit Einbußen rechnen. Logistiker liefern daher nicht mehr nur Waren aus, sondern bieten einen Reparaturservice an. Sie bringen also das Ersatzteil nicht einfach nur vorbei, sondern bauen es auch gleich fachgerecht ein. Dabei arbeiten sie häufig mit regionalen Leasing-Plattformen zusammen. Zu deren Service gehört etwa auch, dass alte Elektrogeräte ausgetauscht werden, wenn sie – in die Jahre gekommen – nicht mehr energieeffizient genug arbeiten. Auch diesen fachgerechten Austausch übernehmen Logistiker.

Fazit

Die Studie selbst liefert kein Fazit. Das ist konsequent, da das Studiendesign auf den breiten Blick in die Zukunft ausgelegt ist. Welches Szenario wahrscheinlicher ist und welches unwahrscheinlicher darf jeder Leser selbst entscheiden. Letztlich kommt es jedoch nicht darauf an, welche Voraussage sich als wahr, welche als falsch herausstellen wird. Zu den Vorzügen derartiger Szenarienanalysen zählt vor allem, dass sie uns nicht unvorbereitet in die Zukunft schicken. Wie immer diese dann auch aussehen wird – Frachtraum hält Euch auf dem Laufenden.