Als Hans Carl von Carlowitz als privater Waldbesitzer 1713 erstmals seine Ideen zur Nachhaltigkeit festhielt, hätte er sich bestimmt nicht träumen lassen, welche Tragweite dieser Begriff auch noch 300 Jahre später haben würde. Zugegeben - angesichts zäher Klimaverhandlungen und der nur langsam wachsenden Zahl von Autos ohne Verbrennungsmotor kann man den Eindruck gewinnen, das Trend-Thema Nachhaltigkeit ist in der Prioritätenliste von Wirtschaft und Politik etwas abgerutscht. Ein Grund dafür könnte aber auch sein, dass ressourcenschonendes Wirtschaften in den vergangenen 20 Jahren in den westlichen Industriestaaten Teil des unternehmerischen Selbstverständnisses geworden ist. Die Erwartungshaltung von Kunden gegenüber der Wirtschaft ist so groß, dass sich kein Akteur ein Versagen in diesem Bereich erlauben kann. Der Druck auf die Politik, gestaltend auf diesen Prozess einzuwirken, nimmt entsprechend ab.

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Diesem Bild liegt allerdings eine sehr begrenzte Definition nachhaltigen Wirtschaftens zu Grunde. Spätestens seit dem Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zum Thema Nachhaltigkeit (1998) wird der oft auf Umweltschutz reduzierte Nachhaltigkeitsbegriff entlang von drei Dimensionen definiert: Wirtschaft, Umwelt - und Soziales (hier gibt es den gesamten Bericht: http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/13/112/1311200.pdf).

Eine Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Anspruch der Gesellschaft auf eine intakte Umwelt gehört längst zum ökonomischen Common Sense. Ganz anders steht es um den sozialen Aspekt. Die Logistik bildet hierbei leider keine Ausnahme. Im Gegenteil: Gerade in dem von hartem Preiswettbewerb gekennzeichneten Logistikmarkt fehlt es in vielerlei Hinsicht am Bewusstsein für die Bedeutung sozialer Nachhaltigkeit. In diesem Blogbeitrag möchten wir den Status-Quo der Nachhaltigkeitsdebatte im Logistiksektor abbilden und Antworten auf die Frage finden, wieso der soziale Aspekt nachhaltigen Handelns so wenig Berücksichtigung findet.

Von Shareholdern und Stakeholdern

Um das Thema greifbar zu machen, ist es wichtig zu klären, was überhaupt mit sozialer Nachhaltigkeit gemeint ist. „Shareholder“ und „Stakeholder“ sind die in diesem Zusammenhang entscheidenden Begriffe. Shareholder meint all jene Interessengruppen, die finanziell vom Erfolg eines Unternehmens profitieren: Gesellschafter, Aktionäre und Investoren. Unter Stakeholdern versteht man Gruppen, die zwar nicht direkt finanziell vom Erfolg eines Unternehmens profitieren, deren Existenz und Wohlergehen dennoch direkt davon abhängig sind, wie ein Unternehmen am Markt agiert: Mitarbeiter, Manager, Eigentümer, Lieferanten, Gläubiger, Kunden und die Gesellschaft. Diese Stakeholder-Definition fußt auf der Feststellung, dass die Auswirkungen unternehmerischen Handelns weit über das Unternehmen hinausgehen und es deshalb seitens der Unternehmensführung eine Verantwortung gibt, die ebenfalls die reine Gewinnsteigerung überragt. Soziale Nachhaltigkeit fordert das Gewinnstreben der Shareholder mit dem legitimen Anspruch der Stakeholder in Einklang zu bringen. Was aber verbirgt sich hinter diesem Anspruch? Auf Mitarbeiter-Ebene kann es um Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, faire Bezahlung und Fortbildungsmöglichkeiten gehen. Kundenseitig wird erwartet, dass bei Herstellung und Vertrieb der Produkte gewisse Sozialstandards eingehalten werden und das Produkt den versprochenen Mehrwert liefert, ohne der Natur übergebührende Kosten aufzubürden. Die Gesellschaft schließlich stellt die Mindestforderung, dass unternehmerisches Handeln die innere Verfassung einer Gesellschaft und ihre ökonomischen, sozialen und ökologischen Grundlagen nicht in Gefahr bringt; beispielsweise durch die Nutzung unzureichender Filteranlagen, wodurch nicht nur Umwelt- sondern auch Gesundheitsschäden entstehen. Hier bestimmt der Wirkungsgrad des jeweiligen Unternehmens, inwieweit die betroffene Gesellschaft regional oder international definiert wird.

Warum ist die Logistik in diesem Bereich so langsam?

Lisa Reggentin (DVZ) stellt in einem Kommentar aus dem Jahr 2015 die These auf: „Warum aber ist das Engagement für den Klimaschutz so viel attraktiver als das für das Allgemeinwohl? Vielleicht weil sich der Unternehmensvorteil aus sozialem Engagement schwerer messen lässt als der aus der CO2-Reduzierung, bei der nicht nur die Umwelt der Gewinner ist, sondern auch das Unternehmen.“ (siehe http://www.dvz.de/themen/themenhefte/nachhaltige-logistik.html) Demnach wären bessere Messbarkeit im Bereich Emissionssenkung und die daraus abgeleitete höhere Effizienz dafür verantwortlich, den Umweltaspekt der Nachhaltigkeit besonders zu betonen. Das sollte nicht verwundern, schließlich stellt diese Konstellation die typische Win-Win-Situation zwischen Unternehmen und Stakeholdern dar. Jede Investition in diesem Bereich schlägt sich in einem klar messbaren Imagegewinn nieder, der unmittelbar zu höheren Verkäufen führt.

Genau das ist auch der Grund, weshalb Engagement im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit so schwer fällt: Es ist mit hohen Kosten verbunden und der direkte Mehrwert ist kundenseitig nicht unmittelbar spürbar. Die Denkweise in den Vorständen vieler Logistikunternehmen kann man sich so vorstellen: „Wer von unseren Kunden erfährt schon, dass wir in unserem Unternehmen besonders viel Wert auf die Gesundheit unserer Mitarbeiter legen, sie deshalb fair bezahlen, ihnen firmeninterne Yogakurse und Beratung durch einen Ernährungsexperten anbieten?“ Dabei hat die mediale Entwicklung der letzten zehn Jahre dazu geführt, dass Stakeholder eines Unternehmens immer mehr Möglichkeiten haben, ihre (Un-)Zufriedenheit zu kommunizieren. Gleichzeitig machen besonders im B2C-Bereich immer mehr Kunden ihre Kaufentscheidung nicht allein vom Preis sondern auch davon abhängig, dass die gewünschte Dienstleistung unter Bedingungen erbracht wird, die ihren eigenen moralischen Werten entsprechen. Konsum ist hier vor allen Dingen eine Frage der Haltung. Im B2B-Bereich sieht die Situation noch anders aus: Der Kostendruck ist derart hoch, dass ein niedriger Preis im richtigen Zusammenspiel mit Zuverlässigkeit meistens den Ausschlag gibt. Hier offenbart sich unserer Meinung nach eine gefährliche Kurzsichtigkeit: Im Hinblick auf die Nachwuchssorgen, welche die Logistik plagen (siehe dazu unsere Blogbeiträge zum Fahrermangel und zu Millenials in der Logistik), gilt es für junge Arbeitnehmer attraktiv zu sein. Die neue Generation von Arbeitssuchenden legt Wert auf flexible Arbeitszeitmodelle, eine faire Bezahlung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Um als Arbeitgeber auch in Zukunft attraktiv zu bleiben und die besten Talente an sich binden zu können, muss die Logistik besonders im Bereich der Lageristen, Fahrer und Disponenten neue, innovative Angebote formulieren, um das Nachwuchsproblem nicht weiter zu verschlimmern.

Soziale Nachhaltigkeit ist eine unternehmerische Notwendigkeit

Fazit: Erfolgreiches Wirtschaften im Einklang mit Umweltschutz gehört mittlerweile zum unternehmerischen Standard. Die Logistik macht hier keine Ausnahme. Umweltschutz ist zu solch einem Konsensthema geworden, das man als ressourcenschonendes Unternehmen damit erfolgreich Marketing betreiben kann. Anders sieht es bei der sozialen Nachhaltigkeit aus, deren positiven Auswirkungen nicht so leicht vermittelbar sind. Dabei wird es besonders im Logistikbereich darauf ankommen, durch neue soziale Standards für junge Arbeitnehmer attraktiv zu bleiben.