Als Megatrends in der Logistik werden technologische Innovationen und gesellschaftliche Veränderungen bezeichnet, von denen langfristige und nachhaltige Auswirkungen auf die gesamte Logistik-Branche zu erwarten sind. Nicht jede technische oder soziale Entwicklung hat das Zeug zum Megatrend. Mancher Hype entpuppt sich letztlich nur als vorübergehende Mode. Der Begriff Megatrend trifft daher nur auf Entwicklungen zu, deren Charakter disruptiv - "unterbrechend" - ist.

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Ein Beispiel für eine disruptive Technologie ist die digitale Fotografie. Sie hat die analoge Fotografie weitestgehend verdrängt und den Fotomarkt komplett auf den Kopf gestellt. Kodak war über Jahrzehnte hinweg ein Weltkonzern, der viel Geld mit analoger Fotografie verdiente. Die US-Firma verpasste es, sich rechtzeitig auf den neuen Megatrend einzustellen (tragischerweise stammen viele Entwicklungen der digitalen Fotografie aus dem Hause Kodak) - und ging pleite. Die Lehre daraus kann nur lauten: Megatrends früh zu erkennen und sich auf sie einzustellen, ist essentiell für das wirtschaftliche Überleben.

Die Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS hat insgesamt acht Trends ausgemacht, die die Logistikbranche verändern werden:

Andere Studien (etwa "Für den Transport- und Logistikmarkt relevante Megatrends") bestätigen diese Trends weitestgehend, auch wenn sie anders benannt werden: Statt von Nachhaltigkeit ist dann von "Green Logistics" die Rede, statt "Diversifizierung" vom "Demografischen Wandel" und aus "Servitization" wird die "Individualisierung der Kundenbedürfnisse". Wir folgen an dieser Stelle den Fraunhofer-Begriffen.

Die Wirkung von Megatrends in der Logistik am Beispiel der Globalisierung

Auf den ersten Blick wirkt die Globalisierung wie ein Megatrend der Vergangenheit. Zweifellos war sie bereits in den vergangenen Jahrzehnten eine der treibenden Kräfte der wirtschaftlichen Entwicklung. Möglich wurde sie – vom politischen Willen abgesehen – durch massive Kosteneffekte: Die Telekommunikationskosten sanken zwischen 1930 und 2000 um satte 99%, im Seeverkehr um 65% und im Luftverkehr um 88 %.

Das ermöglichte weltweit ein bislang nicht gekanntes Wachstum und veränderte damit auch die Logistikbranche. Sie musste sich auf eine wesentlich komplexere Supply Chain einstellen. Wie groß die Aufgabe war (und nach wie vor ist) lässt sich anhand zweier Zahlen erfassen: Die weltweite Warenproduktion wuchs zwischen 1960 und 2011 um 428 %, der weltweite Export gar um atemberaubende 1450 %. Wirtschaftlich schwierige Phasen wie die letzte Finanzkrise ab 2008 mögen die Dynamik eines solchen Megatrends mindern, setzen ihn jedoch nicht außer Kraft.

Politisch gerät die Globalisierung zwar von links wie rechts immer mehr unter Druck, doch fällt bei all diesen Gegenbewegungen auf, dass ihre Protagonisten die Vorteile der Globalisierung (wie Reisefreiheiten, länderübergreifende Informations- und Technologietransfers) gerne für sich nutzen und Einschränkungen der Globalisierung vor allem dort reklamieren, wo sie selbst davon nicht unmittelbar betroffen sind. Zu erwarten ist, dass das Internet weiterhin seinen Dienst als Globalisierungsmotor leistet und Konsumtrends weltweit verbreitet. Mit entsprechenden Anforderungen an die Logistik.

Megatrend Digitalisierung in der Logistik

Die Digitalisierung unseres Alltags nimmt immer mehr Gestalt an. Online-Bestellungen sind längst so normal wie die Kommunikation über Apps oder die Nachverfolgung der Transportabwicklung über ein digitales Transport-Journal wie bei Frachtraum. Mit dem "Internet der Dinge", das gerne auch unter dem Schlagwort "Industrie 4.0" geführt wird, erfasst die Digitalisierung immer mehr Arbeits- und Lebensbereiche.

Für die Logistik bedeutet die Digitalisierung ein Umdenken. Statt in Lieferketten wird künftig immer häufiger in Liefernetzen gedacht werden müssen. Im Industrie-4.0-Zeitalter wird das bisherige Push-Prinzip mehr und mehr durch das Pull-Prinzip ersetzt. Statt Güter ohne Nachfrage in den Markt zu schieben (zu pushen), werden Waren künftig vermehrt nur auf Nachfrage ausgeliefert. Das fordert von der Logistik eine ungleich höhere Flexibilität, die sie nur mittels weiterer Digitalisierungsschritte erreichen wird.

Die Notwendigkeit, immer flexibler reagieren zu können, wird dabei durch andere Megatrends wie 3D-Druck, Individualisierung der Kundenbedürfnisse (Servitization) oder Robotik verstärkt. Lager dürften in Zukunft eher dezentral aufgestellt und ihre Bestände kleiner werden als sie es heute noch sind.

Welche Auswirkungen hat der Trend zum 3D-Druck auf das Transportwesen?

Unter den von der Fraunhofer-Arbeitsgruppe SCS aufgestellten Megatrends ist der 3D-Druck vermutlich der unsicherste Kandidat. Noch 2012 prophezeiten nicht wenige, dass der 3D-Drucker in Haushalten bald so alltäglich sein würde wie es mittlerweile Smartphones und Tablets sind. Bekanntlich fand der ganz große Boom bislang nicht statt. Dafür erobert der 3D-Druck nun die Industrie. Sie erhofft sich von den neuen additiven Fertigungstechnologien (die griffig als 3D-Druck zusammengefasst werden) eine Befreiung von Skaleneffekten.

Galt bisher, dass sich die Herstellung eines Produktes nur ab einer bestimmten Stückzahl rechnet, sind nun auch Kleinstmengen bis hin zum individuell gefertigten Unikat industriell herstellbar. Zugleich ermöglicht der 3D-Druck "complexity for free". Da Gegenstände im 3D-Druck Schicht um Schicht aufgebaut werden, müssen Konstrukteure bei ihren Ideen keine Rücksicht mehr darauf nehmen, ob sie auch zu adäquaten Kosten in der Fertigung umgesetzt werden können. Vom Prinzip her kann jeder Prototyp künftig direkt in den Verkauf kommen.

Damit wäre zumindest denkbar, dass Waren künftig ausschließlich regional hergestellt werden (siehe hierzu auch unseren Blog-Beitrag zum Protektionismus). In dieser schönen neuen Warenwelt würden wir in den "Maker-Space" um die Ecke gehen, um dort unsere neuen Sneaker in Druck zu geben. Die Daten für den Schuh könnten wir entweder selbst entwickeln (falls wir das bis dahin gelernt haben) oder von angesagten Designern einkaufen. Das wäre das Ende der Massenproduktion und wohl auch das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen.

Noch fehlt es an Daten, Erfahrungen und Forschung, wohin der 3D-Druck führen wird. Ein Ende der Massenproduktion halten Zukunftsforscher dennoch für eher unwahrscheinlich, zumal auch die Industrie selbst immer stärker auf additive Fertigungsverfahren setzt. Denkbar scheint immerhin, dass Fertigungen aus Billiglohnländern zurück nach Europa wandern. Für die Logistik erwächst aus diesem Megatrend jedoch unübersehbar die Notwendigkeit, sich auf Transporte einzustellen, die so flexibel sein sollten, wie es die Fertigung durch den 3D-Druck ist.

Autonomes Fahren

Autonomes Fahren wird bereits seit vielen Jahren erforscht. Zahlreiche Tests belegen, dass die neue Technik bereits gut funktioniert. Mit Blick auf die Kosten autonomer Fahrzeuge gehen nahezu alle Experten davon aus, dass die Einführung zuerst im Bereich selbstfahrender Lkw erfolgen wird. Hier können die entstehenden Kosten durch Einsparungen beim Kraftstoff sowie durch Vermeiden von Lenkpausen schneller ausgeglichen werden.

Nach wie ungeklärt sind zahlreiche rechtliche und ethische Fragen, die autonome Fahrersysteme aufwerfen. Wie soll sich ein Fahrsystem in brenzligen Situationen entscheiden? Und wer haftet für diese Entscheidung? Auch verwinkelte Innenstädte machen noch Probleme. Auf Langstrecken und Autobahnen könnten dagegen Korridore für selbstfahrende Lkw geschaffen werden. Ganz auf Personal werden auch sie nicht verzichten können: Der Lkw-Fahrer wechselt vermutlich in die Rolle eines Piloten, der die Systeme (und auch die Fracht) überwacht.

Robotik

In modernen Fabrikhallen haben sich die Arbeitnehmer an den Anblick eines Roboters als "Kollegen" bereits gewöhnt. Im Transportgewerbe dürften sie nach und nach ebenfalls Einzug halten. Vor allem beim Be- und Entladen ergeben sich hierbei zahlreiche Möglichkeiten. Roboter werden durch sogenanntes "Maschinenlernen" (Deep Learning) immer besser darin, mit Menschen zu kommunizieren und zu kooperieren. Dieser Megatrend wird daher auch an der Logistik nicht spurlos vorbeigehen.

Informationsgesellschaft

Daten sind die Währung der Zukunft. Für die Logistik bedeutet das, dass künftig alle Prozesse in der Supply Chain in Datenform erfasst und analysiert werden können. Es geht nicht nur darum, Ladungsverkehre optimal auszulasten, sondern auch um das Generieren neuer Wertschöpfungsketten. Ein Beispiel dafür ist das bereits heute von Frachtraum angebotene Echtzeit Track & Trace von Ladungsverkehren. Kunden wie Lieferanten können jederzeit einsehen, wo sich der Transport gerade befindet. Der Kunde kann sich so zeitgenau auf die Entladung einstellen - und der Lieferant kann kurzfristig umdisponieren, sollte es zu Problemen bei der Auslieferung kommen.

Diversifizierung

In manchen Megatrend-Studien wird dieser Punkt auch unter dem Stichwort "Demografischer Wandel" gehandelt. Die alternde Gesellschaft erzwingt eine Offenheit für Zuzug. In den Betrieben werden die Belegschaften künftig wesentlich heterogener zusammengesetzt sein. Mit Blick auf die Globalisierung ergeben sich gerade für die Logistikbranche Vorteile. Gleichwohl wird dieser Trend viele Betriebe auch vor neue Fragen stellen, wie etwa die nach einer längeren Lebensarbeitszeit, die Mitarbeiter nicht als Last empfinden.

Servitization

Der Gedanke hinter diesem Megatrend ist, dass nicht ein Produkt verkauft wird, sondern die Leistung, die mit diesem Produkt ermöglicht werden soll. Beispiel: Der Triebwerkhersteller Rolls Royce verkauft nicht das Triebwerk an den Flugzeughersteller, sondern an Fluglinien die Leistung, Flugzeuge durch die Luft zu bewegen. Rolls Royce wird dadurch zum Serviceanbieter, der das Triebwerk nicht nur herstellt, sondern auch überwacht und wartet. Für den Kunden hat das klare Vorteile: Bezahlt wird nur die tatsächliche Leistung, wodurch sich u.a. auch die Verfügbarkeit der Triebwerke erhöht. Auch Rolls Royce gewinnt: Das Unternehmen hat sich neue Geschäftsfelder eröffnet, stetige Einnahmen gesichert und Kunden eng an sich gebunden. Längst sind dem Beispiel etliche andere Industriebetriebe gefolgt.

Die Auswirkungen dieses Megatrends auf die Logistik sind bislang nur unzureichend zu erkennen. Wenn immer mehr Produzenten auch zu Dienstleistern werden, könnten große Maschinen (wie die besagten Turbinen) womöglichweise seltener ausgeliefert werden, dafür könnte sich der Bedarf an kleineren Transporten für Wartungen und Reparaturen erhöhen.

Nachhaltigkeit

Umwelt- und Ressourcenschutz werden die Logistikbranche auch in Zukunft weiterhin beschäftigen. Das Thema reicht von der Umstellung auf umweltfreundlichere Lkw bis hin zur kraftstoffsparenden Planung von Transporten. Mit fortschreitendem Klimawandel dürfte sich dieser Trend quasi über alle zuvor genannten Megatrends legen - und mitbestimmen, ob ein Trend sich durchsetzt oder als nicht nachhaltig genug ad acta gelegt wird.