Wer einen Logistik-Beruf ausübt, kommt sich mitunter vor wie im "Fluch der Karibik". Schließlich wird die Branche seit einigen Jahren von Piraten geentert: Software und Roboter übernehmen immer mehr Tätigkeiten. Für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer stellt sich die Frage, für welche Logistikberufe es noch Bedarf geben wird. Die pessimistische Antwort lautet: Die Automatisierung wird den Menschen ersetzen. Optimisten halten dagegen: Auch die neuen Techniken kommen nicht ohne Menschen aus. Die Arbeit wird sich jedoch grundlegend wandeln. Es werden neue Berufe entstehen. Manche Stellenausschreibungen der Zukunft können schon heute geschrieben werden.

Digitalisierung Logistik READMORE Früh übt sich, wer in der Logistik von morgen Fuß fassen will... (Donnie Ray Jones; CC BY 2.0)

Die Logistik-Berufe der Zukunft werden anspruchsvoller

Die Logistik ist hinter der Automobilwirtschaft und dem Handel der größte Wirtschaftsbereich in Deutschland. In den rund 60.000, mehrheitlich mittelständisch organisierten Unternehmen arbeiten rund drei Millionen Beschäftigte. Dass diese Zahl im Zuge der Digitalisierung noch steigen wird, davon sind immerhin 43 Prozent der Unternehmen überzeugt. Nur 37 Prozent erwarten einen Rückgang. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage des Digitalverbandes Bitkom aus dem Frühjahr 2017. 58 Prozent sind sich sogar sicher, dass die Zahl der Ausbildungsplätze für Logistik-Fachkräfte zunehmen wird. Drei Viertel sind davon überzeugt, dass die Logistik insgesamt ein attraktiver Arbeitgeber bleibt.

Dass es weiterhin Logistikberufe geben wird, steht für die Mehrheit der Unternehmer mithin außer Frage. Ebenso wenig Zweifel gibt es darüber, dass die Zahl der einfachen Tätigkeiten stark zurückgehen wird. Die Zauberworte für Karrieren in der Logistik lauten entsprechend: "Ausbildung und Qualifikation". Gemeint ist nicht nur das Heranführen junger Berufseinsteiger, sondern auch die Fort- und Weiterbildung bestehender Logistik-Kräfte.

Die Digitalisierung ist wie ein neues Haustier

Mit der Digitalisierung ist es ein wenig so, als würde sich die Logistik-Branche ein neues Haustier zulegen. Die Bewohner des Hauses müssen erst noch lernen, wie es am besten gefüttert wird, wie es sich mit anderen Haustieren verträgt und wann man es auch einmal alleine lassen kann. Wer sich so ein Tier ins Haus holt, sich aber nicht intensiv damit beschäftigt, zieht womöglich ungewollt ein Monster heran, das nichts als Chaos hinterlässt. Wer dagegen lernt, das neue Haustier auf die Gepflogenheiten des Hauses einzustimmen, hat gute Chancen, einen neuen Freund fürs Leben zu finden.

"Schon heute", so Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder, "ist die Logistik eine der am stärksten digitalisierten Branchen. In den kommenden Jahren werden wir in der Logistik geradezu revolutionäre Veränderungen durch die Digitalisierung erleben." Entsprechend gibt es bereits immer mehr IT-bezogene Logistikberufe.

Die Digitalisierung verändert unseren Begriff von Arbeit

Das digitale, zweite Maschinenzeitalter, dessen Erwachen wir derzeit erleben, erfasst alle Lebensbereiche. Die Kombination aus Roboter und Software ermöglicht es, Steuerungsaufgaben, die bislang klassisch von Menschen geleistet wurden, an Maschinen zu übergeben. Daher sind von der Digitalisierung nicht nur Berufe in Fertigung, Lager und Transport betroffen, sondern auch Bürojobs. Dort sitzen die Arbeitnehmer zwar längst vor Computern. Der Umgang mit dem Computer allein ist jedoch keine Arbeitsplatz-Garantie. Die Delphi-Studie des Millennium Projects geht davon aus, dass alles was automatisiert werden kann, auch automatisiert werden wird. Die Studie kommt u.a. deshalb zu dem Schluss, dass die Digitalisierung weltweit ein Viertel aller bisherigen Arbeitsplätze kosten könnte.

Das wird nicht von heute auf morgen geschehen, sondern in einem Transformationsprozess, der die kommenden zehn bis zwanzig Jahre in Anspruch nimmt. Die Studie relativiert allerdings das Schreckgespenst der Massenarbeitslosigkeit, da sie davon ausgeht, dass in der neuen digitalen Gesellschaft der Begriff "Arbeit" eine neue Bedeutung entwickeln wird – und damit auch der Begriff der Arbeitslosigkeit. Der klassische 9-5-Job wird seltener. Auch die heute übliche Erwerbsbiografie mit einer Ausbildung und ein, zwei oder drei Arbeitgebern bis zur Rente ist demnach ein Auslaufmodell.

Stattdessen werden Wissensnomaden und Algorithmen-Versteher ihre Dienste häufiger als heute freiberuflich anbieten. Auch das Büro verliert an Bedeutung. Es wird ersetzt durch multilokales Arbeiten: mal von Zuhause, mal im mobilen Büro, im "Co-Working Space" oder auch ganz in virtuellen Räumen und mit Menschen, denen man nie persönlich begegnet.

Arbeitnehmer werden sich in dieser Neo-Arbeitswelt an unterschiedliche Situationen anpassen müssen. Strukturen, die heute von Arbeitgebern vorgegeben sind, werden Arbeitnehmer künftig selbst schaffen müssen. Mit anderen Worten: Die Digitalisierung wird vermutlich nicht mehr so viele Arbeitsstellen schaffen wie heute – an Arbeit wird es dennoch nicht fehlen.

Mögliche Logistik-Berufe der Zukunft

Wer in der Herrschaft der Algorithmen Oberwasser behalten will, muss nicht zwingend selbst programmieren können – zumal die Künstliche Intelligenz heute schon belegt, dass die Programme in der Lage sind, sich auch selbst zu programmieren (wie etwa Teile des Suchalgorithmus von Google). Als Basis-Kompetenz wird von Arbeitnehmern jedoch verlangt werden, dass sie die Algorithmen verstehen und mit ihnen souverän umzugehen wissen. Je weiter die KI Fortschritte verzeichnet, desto mehr wird der menschliche Beitrag zur Arbeit in kreativen Lösungen bestehen, um Probleme möglichst gar nicht aufkommen zu lassen oder um Nischen zu besetzen, die durch Maschinen, Roboter und Software nicht abgedeckt werden. Mögliche Logistik-Berufe der Zukunft könnten sein:

Roboterkoordinator

Lageristen - und alle die an der Rampe arbeiten - müssen schon heute oft den Umgang mit Datenbrillen oder intelligenten Handschuhen beherrschen. Und bereits in knapp einem Fünftel der Lager sind fahrerlose Staplersysteme und Smart Container im Einsatz. Gefragt sind mittlerweile auch Lagerroboter sowie intelligente Regale und Paletten. Die Entwicklung dieser Techniken steht noch am Anfang. Absehbar ist, dass die Systeme immer weiter miteinander verzahnt werden und somit deren Komplexität steigt. Das wird Roboterkoordinatoren erfordern, die den Einsatz der Maschinen planen und überwachen.

Daten-Spezialist

Das Internet der Dinge wird zudem Datenmengen hervorbringen, von deren Analyse viele in der Logistik gut werden leben können. Daten-Spezialisten werden Abläufe analysieren und so neue, optimierte Lösungen für Logistikaufgaben anbieten.

"Mensch-Maschine-Übersetzer"

Aus den Daten von Facebook-Nutzern können Algorithmen Haltungen von Menschen schon heute recht gut einschätzen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Maschinen Menschen wirklich verstehen. Weshalb ein Benutzer seinen Computer anschreit, wenn etwas nicht funktioniert, kann der Computer nicht begreifen – man könnte ihn höchstens so programmieren, dass er so tut als hätte er dafür Verständnis. Wo immer Mensch und Maschine zusammentreffen, wird es daher Empathie-Arbeiter geben, die den Robotern menschliche Wesenszüge "nahebringen". Gerade auf der letzten Meile ist das für die Logistik ein großes Thema. Auch in umgekehrter Richtung dürfte es jede Menge Arbeit geben: Neue Maschinen, Anlagen und Roboter müssen den Menschen, die mit ihnen umgehen (oder ihnen auch nur begegnen), erklärt werden.

LKW-Führer

Im selbstfahrenden LKW wird der LKW-Fahrer zum LKW-Führer. Dank seiner ausgezeichneten Logistik-Kenntnisse ist er vor allem mit der Koordination von Transporten beschäftigt. Vor Ort ist er aber auch ein geschickter Verhandler und Problemlöser.

Algorithmen-Versicherer

Auch selbstfahrende Transporte sind zahlreichen Risiken ausgesetzt. Diese zu versichern und sie richtig einzuschätzen, wird die Aufgabe von Algorithmen-Versicherern sein. Vermutlich werden sie dabei eng mit Daten-Spezialisten zusammenarbeiten und sich nicht nur auf den Logistikbereich beschränken, sondern Angebote entlang einer Supply-Chain entwickeln.

Metaversum-Hausmeister

Plattformen wie Frachtraum könnten sich zu digitalen Logistik-Metaversen entwickeln, auf denen virtuell alle Logistikleistungen abgewickelt werden können. Ihre Aufgabe wäre es sicherzustellen, dass die richtigen Partner zusammenfinden. Ein solches Logistik-Metaversum böte virtuelle Arbeitsräume, die von Metaversum-Hausmeistern instandgehalten werden.

Drohnen-Piloten und Ingenieure

Die Jobbörse Joblift hat jüngst 15 Millionen Stellenanzeigen untersucht und dabei herausgefunden, dass die Zahl der Stellenausschreibungen für die Entwicklung von Drohnen um 128 Prozent gestiegen ist. 92 Prozent der Anzeigen suchten nach Akademikern. Für den Zukunftsmarkt der Drohnen werden vor allem Ingenieure, Softwareentwickler sowie Sales Manager gesucht. Die Deutsche Post hat schon damit begonnen, Mitarbeiter einen Drohnen-Führerschein ablegen zu lassen.

Fazit

Ob diese Berufe tatsächlich die Zukunft der Logistik bestimmen, kann niemand mit Gewissheit sagen. Die einzige Gewissheit besteht derzeit allenfalls darin, dass in der Arbeitswelt vieles ins Rollen kommen wird. In den kommenden zwei Jahrzehnten dürfte sich unser Verhältnis zur Arbeit grundlegend wandeln. Ausgehen wird uns die Arbeit aber gewiss nicht.

Sie wollen mehr dazu wissen? Den Einfluss der Digitalisierung auf bestehende Jobs in der Logistik haben wir in einem anderen Blogbeitrag unter die Lupe genommen.