Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht lokale Schlagzeilen wie diese zu lesen sind: "Diebe stehlen mehrere Paletten voller Schuhe aus LKW". "Fahrzeug im Wert von 280.000 Euro gestohlen." Oder: "Kleidung im Wert von 80.000 Euro aus LKW gestohlen". Das Phänomen tritt nicht nur lokal und vereinzelt auf: Der LKW-Diebstahl gehört zum täglichen Risiko von Spediteuren, Fahrern, Verladern, Produzenten und Handel.

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Meist wird Ladung aus dem Frachtraum entwendet, gelegentlich verschwinden aber auch gleich ganze LKW. Nicht zuletzt ziehen gut gefüllte Kraftstofftanks Diebe an. Rechnet man die Schäden aller bestohlenen LKW-Transporte im Transitland Deutschland zusammen, liegen sie bei etwa 1,5 Milliarden Euro, schätzen Experten. Europaweit werden die Schäden mit rund 8,5 Milliarden Euro beziffert. Das Allianz Risiko Barometer führt Transportunternehmen bei Diebstahl, Betrug und Korruption denn auch ganz oben auf der Liste der größten Geschäftsrisiken.

Das Video der rumänischen Polizei zeigt, wie LKW-Diebe bei voller Fahrt in einen LKW schauen. Offenbar gefällt ihnen die Fracht nicht...

LKW-Diebstahl ist ein weltweites Phänomen – Deutschland zählt zu den Brennpunkten in Europa

Obwohl die Transportbranche weltweit große Anstrengungen übernimmt, Dieben das Leben so schwer wie möglich zu machen, steigt die Zahl der Fälle kontinuierlich an. Dieses Wachstum konkret zu quantifizieren fällt Experten allerdings schwer. Das Kölner Bundesamt für Güterverkehr (BAG) verweist vage auf die hohe Dunkelziffer nicht gemeldeter Diebstähle. Dennoch vermitteln allein die gesicherten Zahlen ein bedrohliches Bild. So wurden 2015 in Deutschland 1.605 LKW als dauerhaft entwendet gemeldet. Zum Vergleich: in den USA waren es 750. Der von Versicherern akzeptierte Schaden lag im gleichen Zeitraum in Deutschland bei rund 300 Millionen Euro.

Eine Studie des EU-Parlaments geht sogar von 90.000 Angriffen auf LKW-Fahrer pro Jahr in ganz Europa aus. In rund zwei Drittel dieser Fälle ging es um Frachtdiebstahl. Die Transportsicherheitsvereinigung TAPA hat ermittelt, dass die LKW-Diebe sich in Europa auf vier bis fünf Länder konzentrieren: Großbritannien, Niederlande, Belgien, Deutschland und Schweden. Nahezu 90 Prozent aller europäischen LKW-Überfälle ereignen sich in diesen Ländern.

Bevorzugt haben es LKW-Einbrecher auf Baumaterial und Werkzeuge, Computer, Haushaltsgeräte, Möbel und Kleidung abgesehen. In Sicherheit darf sich jedoch keine Branche wiegen, geklaut wird alles von Lego bis zum Laptop. Zu den Verlusten durch die entwendeten Waren kommen Sachschäden an den Fahrzeugen sowie Umsatzeinbußen im Handel und Produktionsausfälle in der Industrie. Einigermaßen beruhigend wirkt da schon fast, dass Raubüberfälle mit Gewaltanwendung bislang in Deutschland selten sind – auszuschließen sind aber auch sie leider nicht.

Planenschlitzer, Cargo-Napping, Truck Robbery – die vielen Gesichter des LKW-Diebstahls

Zweifelhaften Ruhm hat in den vergangenen Jahren der Autohof Lippetal an der A2 bei Soest in NRW erlangt. Wer sich dort umsieht, fährt reihenweise an LKW mit geflickten Planen vorbei. Verursacher sind häufig sogenannte Planenschlitzer. Mittlerweiler arbeiten sie bevorzugt mit Endoskopen. Sie gehen dabei sozusagen "minimalinvasiv" vor, schneiden also erst einmal nur ein kleines Loch in die Plane, um sich mit dem Endoskop anzusehen, ob es sich für sie lohnt, zur "Tat" zu schreiten.

Häufig fahren Planenschlitzer im Transporter mit Schiebetür seitlich dicht an den LKW heran. Zuvor haben sie dann meist ausgekundschaftet, dass der Fahrer schläft oder das Fahrzeug unbewacht abgestellt wurde. Der Umgebungslärm auf Rasthöfen bietet Dieben ohnehin ein weitgehend risikofreies Vorgehen. Es gab aber auch schon Fälle, in denen Narkosegas ins Führerhaus eingeleitet wurde. Gelegentlich sprechen die Täter Fahrer aber auch direkt an. Der älteste Trick: die angeblich offene Anhängertür. Steigt der Fahrer aus, um den vermeintlichen Mangel zu kontrollieren, sieht er seinen LKW auch schon davonrasen.

Die Schnäppchenmentalität bei Frachtaufträgen befördert LKW-Diebstähle

Geradezu "populär" unter LKW-Dieben ist das sogenannte Cargo-Napping. Es bedient sich zweier Faktoren des aktuellen Frachtgeschäfts: dem immer härter werdenden Preiskampf sowie dem Aufkommen von Frachtenbörsen. Gerade letztere machen die Tore für den Betrug weit auf. Mit gefälschten Papieren und Konzessionen ergaunern sich Betrüger hier leicht Aufträge. Wird die Ware an sie übergeben, ist sie auf Nimmerwiedersehen weg. Begünstigt wird das Cargo-Napping auch durch den Trend zu Sub-Sub-Sub-Unternehmen. Wer am Ende den Auftrag ausführt, ist vielen Beteiligten vor Ort dann oft nicht mehr klar. Ein Leichtsinn, den Frachtdiebe nur allzu gern für sich nutzen.

Dabei geht es auch anders: Frachtraum etwa beugt diesem Problem einerseits durch die Kontrolle aller Beteiligten vor, andererseits erhalten in der Disposition Verlader und Empfänger für jeden Transport automatisch eine Benachrichtigung per E-Mail. So kennen die Beteiligten vor Ort jeweils den Namen des Fahrers sowie das Kennzeichen des Fahrzeugs.

Frachtdiebstahl wird häufig durch leichtsinnige oder gar korrupte Mitarbeiter begünstigt

Das sogenannte „Truck Robbery“ , auch „Romanian M.O." (siehe Video) genannt, kommt in Deutschland wegen der hohen Verkehrsdichte eher selten vor. Während der Fahrt, meist in der Nacht, fahren die Diebe auf Autobahnen oder in Baustellenbereichen so dicht an den LKW heran, dass sie den Frachtraum ausräumen können. Die Methode ist nichts für Amateure und bedarf zudem speziell präparierter Fahrzeuge, die ein sicheres Aussteigen über eine Dachluke ermöglichen.

So spektakulär sich solche Clous auch anhören, der mengenmäßig weitaus größere Schaden entsteht durch die Lücken im Sicherheitsnetz der am Transport beteiligten Firmen. Laxe Sicherheitsprüfungen ermöglichen Dieben in vielen Fällen erst den Zugriff. Hier kommen häufig auch Mitarbeiter von Transportunternehmen ins Spiel, die Banden Tipps über lukrative Touren zustecken. Die Polizei rät Unternehmern daher, Mitarbeiter regelmäßig zu überprüfen. Zudem sollten Informationen über Ladung und Strecke nur an diejenigen herausgegeben werden, die sie unbedingt benötigen. Auch die Fahrer sind angehalten, nie mit Fremden über ihre Fracht und Tour zu sprechen.

Wo und wann schlagen LKW-Diebe bevorzugt zu? Wer sind die Täter?

Wie bei anderen Einbrüchen schlagen die Täter bevorzugt in der Dämmerung und im Dunkeln zu. Ungesicherte Parkplätze und Raststätten ziehen Diebe unter der Woche geradezu magisch an. Am Wochenende gehen die Langfinger eher auf Betriebshöfen auf Jagd. Auch regionale Unterschiede fallen auf. In Ballungsgebieten, in der Nähe von Häfen und Transit-Autobahnen steigt das Risiko des Frachtdiebstahls. In den Grenzregionen Sachsens und Brandenburgs sowie rund um die Städte Berlin, Hamburg und Hannover werden häufiger auch ganze Lastwagen gestohlen.

Da verwundert es leider wenig, dass in Deutschland die Mehrzahl der Täter (wenn sie denn überhaupt ermittelt werden) aus Osteuropa stammt. Die gestohlene Ware erst lange einzulagern, um sie dann unauffällig auf den Markt zu bringen, lohnt sich in der Regel für sie nicht. Der Laptop, der Sneaker, der Fernseher ist einfach weniger wert, wenn er vom Vorjahr stammt. Auch die Hehler müssen daher mit der Mode gehen. Für Lebensmittel, die ebenfalls gerne gestohlen werden, gilt ohnehin, dass hier Zeit Geld ist. Entsprechend hoch ist der logistische Aufwand, den diese Schattenwirtschaft beim Umschlag des Diebesgutes treiben muss. Fast immer steckt denn auch Organisierte Kriminalität dahinter.

Track-and-Trace als Mittel zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität (OK)

Laut jüngster Erhebungen (März 2017) der Strafverfolgungsbehörden der Europäischen Union ist die Zahl der Organisationen, die zur OK gezählt werden müssen, zwischen 2013 und 2016 von 3.600 auf 5.000 gestiegen (+40%). Bei rund fünf Prozent dieser Organisationen lassen sich sogar Verbindungen zum Terrorismus nachweisen.

Experten fordern daher die Einführung transparenter Track-and-Trace-Systeme für die gesamte Supply Chain. Mit ihrer Hilfe ließe sich jedes Produkt von der Fabrik bis zum Kunden lückenlos verfolgen. Solche Systeme könnten dann nicht nur LKW-Diebstähle erschweren, sondern auch den Handel mit gefälschten Waren. Für die OK lohnt sich diese Schattenwirtschaft vor allem deshalb, weil nicht nur die Margen mit Plagiaten hoch sind, sondern sich die Gewinne auch auf verlässlich hohem Niveau sichern lassen. Im Drogengeschäft brechen häufig ganze Märkte ein (etwa durch Ernte- und Produktionsausfälle oder Nachschubschwierigkeiten). Die Verluste können dann meist nicht ausgeglichen werden. Bei Plagiaten setzt die OK dagegen flexibel auf Produkte, die gerade gefragt sind. Die Liste der "beliebtesten" Güter beim LKW-Diebstahl lässt auf ähnliche Motive schließen.

Für die besonders von Plagiaten betroffene Tabakindustrie schreibt die europäische Richtlinie 2014/40/EU daher eine Rückverfolgbarkeit der Waren ab 2019 vor. Gelingt es, die Logistikkette durchgängig transparent zu gestalten, hätten es auch LKW-Diebe entsprechend schwerer, ihre gestohlenen Waren weiterzuverkaufen.

Bei aller Euphorie für neue Techniken sollte eines nicht vergessen werden: Der Kampf "Gut" gegen "Böse" wird immer dem klassischen Hase-Igel-Spiel folgen. Wähnt sich die eine Seite vorn, war die andere garantiert schon da. Auch der Einzug der Digitaltechnik in die Logistik wird daher die Gefahr von Diebstählen nicht bannen können. Ein gesundes Maß an Misstrauen in allen Teilen der Transportkette wird daher auch in Zukunft angebracht bleiben.