Wer über wirtschaftliche Entwicklungen oder Zukunftsmodelle nachdenkt, kommt am Stichwort Industrie 4.0 längst nicht mehr vorbei. Dabei wirkt der Begriff zunächst eher befremdlich. 4.0? Im Ernst? Das klingt aufgesetzt und erinnert unfreiwillig an Boris Becker, als der noch für das Internet mit den Worten warb: "Ich bin drin!". Versionsnummerierungen waren doch schon out, als mit dem Web 2.0 plötzlich alles 2.0 sein musste: "Zeitung 2.0", "Kochen 2.0", "Flirten 2.0". Nach der 2.0-Euphorie folgte … nichts. Wer etwas als 3.0 verkaufen wollte, kaufte sich besser ein paar andere Buchstaben. Und jetzt gleich Industrie 4.0? Man glaubt an ein Versehen. Doch hinter dem Begriff steckt durchaus Sinnvolles.

Industrie bei Sonnenaufgang

READMORE

"Industry" by Roman Pfeiffer is licensed under CC BY 2.0

Das 4.0 zielt auf die mittlerweile schon "vierte industrielle Revolution". Die erste verdanken wir dem Aufkommen der Dampfmaschine (Mechanisierung), die zweite bestand in der Schaffung der Fließbandproduktion (Industrialisierung), während die dritte den Einzug von digitaler Technik in die Industrie (Automatisierung) bezeichnet. Die vierte industrielle Revolution wäre dann die Verzahnung aller industriellen Abläufe – Planung, Fertigung, Transport, Marketing – mit und durch digitale Kommunikations- und Informationstechnik (Vernetzung). Anders formuliert: Industrie 4.0 führt Maschinen und Internet zusammen.

Die industriepolitische Absicht der Industrie 4.0

Der Begriff Industrie 4.0 ist eine deutsche Erfindung und eng verknüpft mit der industriepolitischen Absicht, Deutschlands Rolle als eine der führenden Industrienationen auch in den nächsten Jahrzehnten noch zu erhalten. Vielsagenderweise wurde der Begriff erstmals 2011 auf der Hannover Messe von Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft offiziell verwendet. Die Verkündigung fiel also in eine Zeit, in der China sich gerade fest als "Werkbank der Welt" etabliert hatte und Deutschland nicht zuletzt dank seiner Rolle als "Werkzeuglieferant" des neuen Chinas besser durch die Finanzkrise kam als andere Industrienationen.

Zugespitzt lässt sich daher formulieren: Der Werkzeug- und Maschinenmacher der Welt (Deutschland) möchte unter dem Begriff Industrie 4.0 seine Werkzeuge und Maschinen zukunftssicher machen. Da die Zukunft digital vernetzt sein wird, sollen künftig auch die Werkzeuge und Werkbänke digital vernetzt sein. Zwar war bereits die dritte industrielle Revolution digital, doch fehlte es ihr an Vernetzung. Der Industrie 4.0 geht es daher vor allem um die digitale Transformation von wirtschaftlichen Abläufen hin zu vernetzten Systemen, die neuartige Produktionsbedingungen schaffen und damit nicht nur Effizienzgewinne versprechen, sondern auch ganz neue Geschäftsfelder eröffnen.

Die Verheißungen der Industrie 4.0

In der Industrie 4.0 sollen Maschinen sich mit anderen Maschinen austauschen. Die Produktion dieser Maschinen wird dadurch so flexibel, dass in kleinen Stückzahlen individuelle Bedürfnisse von Kunden zeitnah befriedigt werden. Probleme wie Lieferengpässe, überlastete oder nicht ausgelastete Personal- bzw. Maschinenkapazitäten würden dann der Vergangenheit angehören.

Kommunikationsfähige Module in den Maschinen ermöglichen die Verknüpfung der realen, physischen Welt mit der digitalen Technik (gerne auch als "Internet der Dinge" bezeichnet). Aus Maschinen, die nur ein "An" oder "Aus" kannten, werden in der Industrie 4.0 "cyber-physische Systeme" (CPS), die flexibel auf unterschiedliche Situationen reagieren. Steuerung und Organisation von Produktionen lassen sich dadurch gänzlich neu gestalten.

Erkennt etwa der Vertrieb einen erhöhten Bedarf an Produkt X, kann er dies unmittelbar an die Produktion weitergeben und auch den Transport zur Auslieferung "just-in-time" bereitstellen. Echtzeit-Sensorik in Produktion und Supply-Chain stellt die Flexibilität auch bei auftauchenden Problemen sicher. Ad-hoc-Gestaltungen gehören unter Industrie-4.0-Bedingungen ebenso zum Arbeitsalltag wie eine endlose Variantenvielfalt bei gleichzeitig niedrigeren Kosten.

Das große Versprechen von Industrie 4.0 heißt daher: Kosten sparen und effektiver produzieren, steuern und organisieren. Eine gemeinsame Studie der Bitkom mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation kommt zu dem Schluss, dass sich bis 2025 allein in Deutschland die Bruttowertschöpfung um über 267 Milliarden Euro steigern ließe, würde Industrie 4.0 in allen Branchen und Dienstleistungen konsequent eingesetzt.

Wie und wo wird Industrie 4.0 angewendet?

Anders als der Begriff nahelegt, beschränkt sich Industrie 4.0 nicht nur auf klassisch industrielle Zweige. Er bezieht auch Dienstleistungssektoren mit ein. Das hat damit zu tun, dass unter Industrie-4.0-Bedingungen Produktion und Dienstleistung viel enger miteinander verzahnt werden können als bislang. Schon heute wird immer öfter nicht nur eine Maschine verkauft, sondern der dazu passende Service – von der Überwachung, Wartung bis zur zeitnahen Reparatur – gleich mitangeboten. Der Trend, für Lösungen als Gesamtanbieter aufzutreten, wird als Servitization bezeichnet. Der Einsatz von vernetzter digitaler Technik ermöglicht und fördert Servitization. Eine weitere Bitcom-Studie nennt insgesamt sieben mögliche Einsatz-Szenarien für Industrie 4.0:

Industrie 4.0 ist bislang mehr Versprechen als Realität

Die zuletzt genannte Bitcom-Studie kommt zu dem Schluss, dass die Mehrheit der Unternehmen die Chancen, die in der Industrie 4.0 liegen, bislang nur unzureichend nutzt. Am aktivsten sind noch die Branchen, die am meisten von der digitalen Vernetzung profitieren würden, also Maschinenbau, Fahrzeugbau und Hersteller elektronischer sowie optischer Erzeugnisse. Dienstleistungssektoren zeigen sich bislang sehr zurückhaltend. Dort, wo Industrie-4.0-Lösungen bereits eingesetzt werden, sind sie im wesentlichen Fortschreibungen der Industrie 3.0, dienen also vor allem der Fortschreibung von Rationalisierungen.

Der eigentliche Clou der Industrie 4.0 wird damit noch nicht wirklich erfasst. Der nämlich liegt vor allem darin, sich durch vernetzte Techniken neue Geschäftsfelder und -möglichkeiten zu schaffen (die oben in der 7-Punkte-Liste angedeutet sind). Industrie 4.0 ist jedenfalls weit mehr als eine Worthülse - und mehr als nur ein Buzzword, mit dem Politiker sich schmücken können, wenn sie sich als Visionäre profilieren möchten. Hinter dem Konzept der Industrie 4.0 schlummert das Potenzial einer vernetzten Industrie, die mittels digitaler Techniken Ressourcen schont, da sie bedarfsgerechter produzieren kann. Wer sich in Zukunft Wettbewerbsvorteile sichern möchte, sollte sich daher heute mit den Möglichkeiten der Industrie 4.0 auseinandersetzen.

Die Rolle des Transportwesens in der Industrie 4.0

Die Logistik wird sich unter Industrie-4.0-Bedingungen verändern müssen. Wo bedarfsgerecht und zeitnah produziert wird, muss auch bedarfsgerecht und zeitnah transportiert werden. Alles andere würde die positiven Effekte der Industrie 4.0 konterkarieren. Die Zukunft der Transportlogistik kann daher nur in der digitalen Vernetzung liegen. Nur sie ermöglicht es, dass Transportunternehmen auch in Zukunft noch mit Firmen der Industrie 4.0 zusammenarbeiten können. Derzeit sieht es zwar so aus, als suchten viele produzierende Unternehmen noch ihren Einstieg in die Industrie 4.0. Das dürfte sich jedoch bald schon ändern. Zu groß sind die Profitsteigerungen, die sich durch diesen Umstieg erzielen lassen.

Das erhöht auch den Druck für das Transportwesen, nach einem solchen Einstieg zu suchen. Der immerhin ist hier einfacher als im produzierenden Gewerbe. Eine digitale Spedition wie Frachtraum bietet schon heute sowohl Frachtführern wie Verladern den leichten Einstieg in die Industrie 4.0.