Der Anteil von Frauen liegt in der Logistikbranche bei den meisten Unternehmen unterhalb der 40-Prozent-Marke. In den Führungspositionen sieht es noch ungleicher aus: Nach einer Untersuchung der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V. von 2012 werden gerade einmal rund zehn Prozent Frauen in gehobenen Positionen beschäftigt. Neuere Zahlen liegen leider nicht vor, BVL-Pressereferentin Anja Stubbe geht im Moment davon aus, dass sich die Zahlen kaum verändert haben.

Wieso ist die Logistikbranche so männerdominiert? Was können Männer angeblich besser, um diese Zahlen zu rechtfertigen. Frachtraum hat sich darüber mit zwei Frauen unterhalten, die beide seit Jahren in der Logistikbranche arbeiten und sich in der Männerdomäne durchgesetzt haben.

Links: Annika Fichtner, Purchasing Manager Logistics bei der Henkel AG & Co KGaA, rechts: Karen Klement, Teamleiterin CL Sales Support bei der Dachser SE READMORE
Haben sich in der Männerdomäne Logistik durchgesetzt: Annika Fichtner (links) und Karen Klement. Fotos wurden Frachtraum für den Artikel zur Verfügung gestellt.

Karen Klement ist als Teamleiterin CL Sales Support im Logistikvertrieb bei DACHSER SE in der Corporate Unit Contract Logistics in Kempten Allgäu. Neben ihrem Hauptberuf ist sie auch Sprecherin der BVL Regionalgruppe Südbayern.

Annika Fichtner ist Purchasing Manager Logistics für den Bereich Road & Rail bei der Henkel AG & Co. KGaA in Düsseldorf.

Frauen in der Logistik:
"Die Branche ist noch etwas konservativer und hemdsärmeliger als andere"

Frachtraum: Im Verhältnis zu anderen Branchen ist der Frauenanteil ungewöhnlich niedrig, woher kommt das?

Annika Fichtner: Ich denke, dass ist historisch bedingt. Die Logistikbranche war jahrzehntelang eine Männerdomäne. Jetzt dauert es einfach seine Zeit bis dieses verstaubte Bild aufgebrochen und erneuert wird.

Karen Klement: Die Logistikbranche ist zum Teil noch etwas konservativer, beziehungsweise ""hemdsärmeliger" als andere Branchen. Es sind halt zumeist Spediteure und Unternehmen – und das ist gar nicht despektierlich gemeint, die sich aus dem klassischen TUL (Transport – Umschlag – Lager) entwickelt haben. Daher entwickeln sich wohl manche Themenbereiche langsamer und auch etwas anders. In manchen gewerblichen Arbeitsbereichen ist der Frauenanteil aber inzwischen zum Teil bereits höher als in anderen Logistikbereichen. In den administrativen oder kaufmännischen Abteilungen sind es dann eher Bereiche wie HR, Finance/Controlling oder Marketing, aber auch im Sales oder in der IT finden wir sukzessive immer mehr Frauen in der Logistik.

Frachtraum: Gibt es denn Anforderungen in der Logistik, die Männer besser beherrschen? Wir dachten, die Zeit, in der man noch kräftige Kerle brauchte, die ganz allein einen liegengebliebenen Lkw reparieren können, ist vorbei.

Karen Klement: Meines Erachtens gibt es diese Anforderungen nicht, weder in kaufmännischen noch gewerblichen Aufgabenbereichen der Logistik. Und es gibt ja auch mehr oder minder kräftige Frauen, wenn auch wenige, die einen 20-Tonner-LKW fahren.

Annika Fichtner: Stimmt, aber Jobs wie LKW oder Gabelstapler fahren sind schon immer eher Jungs-Jobs gewesen, darauf wurden wir ja von klein auf trainiert. Der Umgangston in der Branche ist gewiss nicht immer so sanft wie in typischen Frauenberufen. Man muss als Frau lernen, damit umzugehen und doofe Kommentare nicht persönlich zu nehmen. Insbesondere bei den kaufmännischen Stellen gibt es aber meiner Meinung nach keinen Vorteil als Mann und somit keinen Grund, diese nicht auch mit Frauen zu besetzen.

Vor allem fachliche Fähigkeiten und Softskills sind gefordert

Frachtraum: Wie haben sich die Branche und das Berufsbild in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Karen Klement: Auch in der Logistik beschäftigen wir uns wie alle anderen Branchen mit Digitalisierung und Industrie 4.0, Vernetzung und Change-Management. So sind ebenso wie bei verladenden Firmen fachliche Fähigkeiten und Soft Skills gefordert, wie soziale Kompetenzen, emotionale Intelligenz, Teamfähigkeit, Kommunikations- und Führungsverhalten sowie Handlungs- und Sachkompetenzen. Dennoch dominieren gerade auf der Führungsebene immer noch "männliche Werte".

Frachtraum: Seit wann arbeiten Sie in der Logistikbranche und was ist heute Ihr Aufgabenbereich?

Karen Klement: Ich habe 1991 meinen Berufsweg, beziehungsweise meine Berufung in der Logistik mit einem Job als Briefzustellerin mit anschließender Ausbildung bei der Deutsche Post begonnen. Über verschiedene Vertriebspositionen in Sales, KAM & Business Development mit Fokus Kontraktlogistik habe ich mich in vier Unternehmen entwickelt und bin heute bei DACHSER SE in der Corporate Unit Contract Logistics als Teamleiterin CL Sales Support tätig.

Annika Fichtner: Ich arbeite mittlerweile seit circa sieben Jahren in der Logistikbranche. Ich habe mit einem dualen Studium in einer Spedition angefangen und bin mittlerweile im Logistik-Einkauf. Ich manage Tender, führe Verhandlungen und bin dafür zuständig, den Markt im Blick zu haben. Veranstaltungen der BVL sind dabei wichtig, um aktuelle Themen und Trends mitzubekommen.

Frachtraum: Wie viele Kolleginnen haben Sie denn in ihrem Bereich?

Karen Klement: Wir sind eine kleine, feine Frauenabteilung mit vier Kolleginnen im Sales Support CL. Der gesamte Bereich hat bei 42 MitarbeiterInnen einen bemerkenswerten Frauenanteil von 45 Prozent!

Annika Fichtner: Aktuell haben wir ungefähr eine Quote von 50 Prozent Frauen, inklusive meiner Chefin. Ich finde die gemischten Teams sehr angenehm. Männer und Frauen haben beide ihre Stärken und man kann viel voneinander lernen. Ich glaube, Männer sind oft gelassener, daran probiere ich mich zu orientieren.

Frauen kommunizieren und agieren anders als männliche Kollegen

Frachtraum: Wie ist der Umgang der männlichen Kollegen mit Ihnen als Frau? Müssen Sie sich öfter beweisen?

Annika Fichtner: Mit mir wird ganz normal umgegangen. Da gibt es keine Probleme. Ich bin allerdings auch mit zwei Brüdern aufgewachsen und habe gelernt, schlagfertig zu sein.

Karen Klement: Ich sehe da schon Unterschiede: Zum einen kommuniziere und agiere ich meines Erachtens anders als meine männlichen Kollegen, zum anderen führe und arbeite ich auch anders. Aus dieser Sichtweise haben sich natürlich auch bestimmte Erwartungshaltungen entwickelt. Weiterhin führen immer noch gewisse existente Klischees dazu, dass Frauen sich kontinuierlich beweisen und härter arbeiten müssen als Männer, um denselben Lohn zu bekommen oder ihre Leistungen in gleicher Weise anerkannt zu sehen. Es sind ja schließlich Männer, die über meinen Karriereweg maßgeblich entscheiden. Oft bedarf es eines Mentors, um eine entsprechende Führungsposition zu erreichen und zu halten.

Frachtraum: Was machen Frauen in ihrem Beruf denn anders oder vielleicht sogar besser?

Karen Klement: Wir tendieren eher dazu, unsere Fähigkeiten in Frage zu stellen, statt zu sagen: "Das kann ich" – auch ohne den entsprechenden Background. Wir sollten selbstbewusst auftreten, uns mehr zeigen, gegebene Chancen nutzen und uns vernetzen. Die größte Stärke der Frauen ist das Kommunizieren, das Reden und das Sich-mit-anderen-Austauschen. Männer sagen uns ja oft Fähigkeiten im "Multitasking" nach, wir sind zielstrebiger und kostenbewusster als Männer. Wir dienen eher der Sache als der eigenen Karriere oder Position, wir können gut koordinieren und Prioritäten setzen. Frauenpower beruht meines Erachtens oft auf einer gesunden Mischung an Fachkenntnissen und sozialen Kompetenzen.

Frauen müssen ihre Karriere in die eigenen Hände nehmen

Frachtraum: In den Führungspositionen der Logistikbranche liegt der Frauenanteil nur bei rund zehn Prozent. Woher kommt das?

Annika Fichtner: Ich glaube, das ist ein allgemeines Problem, nicht unbedingt eines der Logistikbranche. Allerdings brauchen eher männerdominierte Branchen traditionell einfach länger, um aufzuholen. Ich sehe immer mehr Frauen in der Logistik. Ich werde in einer Matrixorganisation von zwei Frauen geführt und die Ebene darüber ist ebenfalls weiblich. Es spricht sich langsam herum, dass die Logistikbranche auch für Frauen attraktiv ist, aber insbesondere in Speditionen sind die Hierarchien historisch gewachsen und schwer zu durchbrechen.

Karen Klement: Die Frauen müssen sich – neben allen Maßnahmen der Politik oder der Unternehmen – stärker engagieren und ihre Karriere in die eigenen Hände nehmen. Dazu gilt es auch, persönliche Verhaltensmuster zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern. Frauen sollten nicht darauf warten, dass ihre Leistungen bemerkt werden. Vielmehr müssen wir Selbstbewusstsein an den Tag legen, unsere Fähigkeiten und Ziele klar kommunizieren, präsent sein und uns nicht von Rückschlägen entmutigen lassen.

Frachtraum: Sollten die Unternehmen in Zeiten des Fachkräftemangels deshalb nicht gerade Frauen fördern, in die Branche einzusteigen?

Karen Klement: Was soll ich dazu anders antworten als mit einem klaren Ja! Und das nicht nur weil ich eine Frau bin, sondern aus tiefer Überzeugung. Dazu gehört es aber auch, Denkmuster in den Unternehmen und in den höheren Führungsebenen zu ändern, die Voraussetzungen für diversifizierte Teams zu schaffen und Frauen die Möglichkeit des Ein- und vor allem Aufstiegs sowie der entsprechenden "Entfaltung" in entsprechende Strukturen zu ermöglichen. Dies ist ein zumindest mittelfristiger Prozess, der sicherlich in manchen Unternehmen schon begonnen hat. Meiner Meinung nach hätte dieser schon eher aufgesetzt werden müssen und er bedarf auch einer entsprechenden Priorisierung, damit die daraus entstehenden neuen Denk- und Arbeitsmodelle je Unternehmen passen, wirken und bestehen bleiben.

Annika Fichtner: Ich glaube, es braucht beides in der Logistikbranche, Männer und Frauen, und die Mischung macht es dann. Man sollte Talente fördern, egal welchen Geschlechtes. Ich möchte nicht gefördert werden, nur weil ich eine Frau bin, sondern weil man in mir Potenzial sieht. Dennoch macht es Sinn, mit Veranstaltungen und Außenkommunikation auch Frauen anzusprechen und ihre Medienkanäle zu bespielen.

Karen Klement: Ja, denn es geht nicht um schwarz oder weiß oder das eine wie andere Modell, sondern um die beste Kombination der Fähigkeiten und darum, Erfahrungen der Mitarbeiter in einem Team zu sammeln. Was Frauen in Führungspositionen wirklich wollen, ist schlicht und einfach: Karriere machen zu können, und zwar individuell und potenzialbezogen.

Events wie "Ladies in Logistics" begeistern

Frachtraum: Wie kann man mehr junge Frauen für das Thema Logistik interessieren und sie in die Ausbildung holen?

Karen Klement: Meines Erachtens ist der weibliche Anteil bei den Studierenden bereits in den letzten Jahren angestiegen und es gibt doch einige junge Frauen über alle Führungsebenen, die sich für die Logistik interessieren. Dennoch sollten die Firmen der Logistikbranche an Veranstaltungen, wie z.B. dem "Tag der Logistik", immer wieder verdeutlichen, wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten in der Logistik sind. Auch unsere Branche wird immer digitaler und aufgrund des Fachkräftemangels werden Technologien in verschiedenen Formen immer mehr ihren entsprechenden Einsatz finden. Dies bietet vielfältige Chancen, aber die Führungskräfte müssen auch die Menschen entsprechend einbinden und mitnehmen. Vor allem müssen wir nicht nur die Jugendlichen, sondern auch ihre Eltern überzeugen, dass das verstaubte Klischee der "Sackkarren-Junkies" nicht mehr stimmt.

Annika Fichtner: Wir haben im September in der BVL Region Rhein/Ruhr das erste "Ladies in Logistics"-Event organisiert. Die Reaktionen waren gigantisch. Viele Frauen fühlten sich insbesondere durch den Titel angesprochen und waren interessiert. Wenn ich aktuell zu BVL-Veranstaltungen gehe, bin ich oft die einzige Frau. Mit den Ladies Events oder auch dem Tag der Logistik macht die BVL schon sehr viel, um Frauen zu begeistern und zu kommunizieren, dass Logistik Spaß macht.

Die Branche muss wieder über den Tellerrand schauen

Frachtraum: Wie kann man denn allgemein mehr junge Menschen für die Logistikbranche interessieren?

Karen Klement: Wir haben nicht nur die Herausforderung junge Leute oder generell Mitarbeiter für die Ausbildung und spätere Aufgaben zu gewinnen, sondern vor allem junge und gute Fachkräfte zu halten. Es gilt mehr an Zeit- und Arbeitsmodellen und Vergütungsstrukturen zu arbeiten und – sofern möglich – über Innovative und vor allem flexible Arbeitsbereiche und -zeiten nachzudenken. Dazu gehören für mich Homeoffice, Job-Sharing, internationale Einsätze und vieles mehr. Neben Gedanken zu Work-Life-Balance, Elternzeit und "Frauen in der Logistik", sollten auch Konzepte für eine nachhaltige Entwicklung von Mitarbeitern beider Geschlechter in Betracht gezogen werden. Es gilt wieder mehr über den Tellerrand zu schauen und Menschen auch dahin zu bringen dies zu tun.

Annika Fichtner: Die Logistikbranche hat leider ein allgemeines Imageproblem und der normale Konsument setzt sich nicht wirklich damit auseinander. Die Logistik wird als selbstverständlich angesehen. Höchstens in Hochsaisonen, wie in der Weihnachtszeit, wenn selbst die Nachrichten berichten, dass Zustellfahrzeuge nicht fahren können, weil es nicht genügend Mitarbeiter gibt, bekommt der Endkonsument eine Idee von den komplexen Prozessen. Wir müssen es schaffen, dass die Logistik präsenter wird und kommunizieren, dass die Aufgabenbereiche spannend und herausfordernd sind. Ich glaube, dass uns hier die vielen Logistik-Start-ups in die Karten spielen. Start-ups sind interessant und fancy. Wenn sich dieses Image nur ein wenig auf die Branche überträgt, haben wir schon gewonnen.