Analoge Fahrtenschreiber mit Tachoscheibe sind selten geworden. Inzwischen zeichnen digitale Fahrtschreiber in Kombination mit einer personengebundenen Fahrerkarte Lenk- und Ruhezeiten auf. Bereits seit Mai 2006 besteht die Pflicht, diese in neu zugelassenen LKW zu nutzen. Das sollte mehr Sicherheit bringen; es blieb jedoch bei der Hoffnung: Das belegen Zahlen des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG) regelmäßig. Werden die Kontrollgeräte gezielt überprüft, liegt die Missbrauchs- und Manipulationsquote seit Jahren konstant bei rund 25 Prozent. Nicht zuletzt deshalb hat die EU beschlossen, ab 2019 auf „intelligente“ Tachografen zu setzen.

Fahrtenschreiber READMORE Die Versuchung zur Manipulation von Tachos ist groß - "by Todd McCann; CC BY 2.0"

Manipulationen am Fahrtenschreiber sind verlockend ... und gefährlich!

Die korrekte Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten ist eine tägliche Herausforderung für Fahrer und Spediteure. Aus Gründen der Verkehrssicherheit sowie zur Sicherung von Sozialstandards und fairen Wettbewerbsbedingungen sind die Regelungen hier äußerst rigide gefasst. Nach 4,5 Stunden ununterbrochener Lenkzeit muss der Fahrer für mindestens 45 Minuten eine Pause einlegen. Maximal dürfen die Kraftfahrer pro Tag 9 Stunden hinterm Lenkrad sitzen, zweimal pro Woche auch 10 Stunden.

Alle Vorgaben aufzulisten, würde einen eigenen Artikel füllen. Das System kennt durchaus viele Ausnahmen und gibt sich flexibel. Seine Auslegung wird jedoch äußerst penibel gehandhabt. So wird bereits bei einer Verkürzung der Lenkzeitunterbrechung um nur 15 Minuten ein Bußgeld von 30 Euro für den Fahrer fällig, für den Spediteur sind es gar 90 Euro. Das kann sich schnell summieren.

Bußgelder zahlt niemand gern. Auch lässt sich niemand gerne „von oben“ vorschreiben, wann er was zu tun hat. Aus der rein persönlichen Perspektive ist es durchaus verständlich, wenn sich Fahrer und Spediteure dem System der Lenk- und Ruhezeitkontrolle durch Manipulationen am digitalen Fahrtenschreiber entziehen möchten. Doch ist diese Haltung zugleich erkennbar egoistisch: Sie berücksichtigt weder das Bedürfnis der anderen Verkehrsteilnehmer nach Sicherheit (durch frische, ausgeschlafene LKW-Lenker) noch das Gebot, dass sich für einen fairen Wettbewerb alle an die gleichen Konditionen zu halten haben.

Waren Manipulationen an analogen Fahrtenschreiber noch vergleichsweise simpel, ist der Aufwand beim digitalen Tachografen ungleich höher. In vielen Fällen greifen die Manipulationen so sehr in die komplexe Technik der Fahrzeuge ein, dass dabei Sicherheitssysteme wie ABS, Geschwindigkeitsbegrenzer oder Verschaltsperren in den Getrieben in ihrer Funktion beeinträchtigt oder ganz deaktiviert werden. Im schlimmsten Fall verschuldet so eine Manipulation übermüdete Fahrer, die jederzeit damit rechnen müssen, dass das Getriebe während der Fahrt blockiert, dabei aber viel zu schnell unterwegs sind und deren Fahrzeug nur noch ungleichmäßig bremst.

Mitunter werden auch Fahrten von Toten aufgezeichnet

Bei vertieften Kontrollen mit speziell geschultem Personal lassen sich nahezu alle Manipulationen am digitalen Fahrtenschreiber aufdecken. Solche Kontrollen liefern in der Regel Beanstandungsquoten zwischen 20 und 25 Prozent. Wird dagegen nur allgemein kontrolliert, sinkt diese Quote auf einen niedrigen einstelligen Wert. Das macht den Missbrauch und die Manipulation der Kontrollgeräte leider nach wie vor für alle schwarzen Schafe so attraktiv. Zumal entdeckte Verstöße nur selten strafrechtlich geahndet werden.

Am häufigsten sind Manipulationen mit Magneten sowie die missbräuchliche Verwendung von Fahrerkarten. Mit den Magneten werden beispielsweise die Datenleitungen zwischen Sensor und digitalem Kontrollgerät unterbrochen. In Kontrollen fällt aber immer wieder auch die fehlerhafte Bedienung der Digi-Tachos durch den Fahrer auf. Oft werden falsche Handeingaben gemacht, Pausen anstelle von Arbeit aufgezeichnet, Konstanten am Kontrollgerät unzulässig verändert, Geschwindigkeitssensoren beeinflusst (um so tiefere Geschwindigkeiten vorzutäuschen) oder Schutzmechanismen an den Kontrollgeräten abgeschaltet. Mitunter werden die digitalen Tachos auch einfach unzulässig durch analoge Fahrtenschreiber ersetzt.

Gerade in Deutschland kommt es häufig zum Missbrauch von Fahrerkarten. Das liegt daran, dass deutsche Gerichte darin oft nur eine Ordnungswidrigkeit erkennen. In anderen europäischen Ländern wird dies verlässlich als Straftat behandelt und entsprechend schärfer sanktioniert. Dreiste Spediteure beschäftigen dafür beispielsweise gerne Rentner und Aushilfen auf Mini-Job-Basis. Sie schaffen sich damit einen Pool an Fahrerkarten. Jeder Fahrer erhält dann eine zweite Fahrerkarte, sodass bei Kontrollen Überschreitungen der Lenkzeit oft gar nicht erst auffallen. Da die Fahrerkarte beim Tod eines Fahrers nicht automatisch erlischt, zeichnen die Fahrtenschreiber auch schon einmal Fahrten des verstorbenen Kollegen auf. Makaber, aber alles schon dagewesen.

Mit den Smart-Tachos wird die Sicherheit steigen

Straßenkontrollen sind das bislang probateste Mittel, um Missbrauch der Fahrerkarte und Manipulationen am Kontrollgerät aufzudecken. Sie kosten jedoch auch ehrliche Fahrer und Spediteure viel Zeit – und damit gutes Geld. Die EU hat beschlossen, dass ab 2019 sogenannte „intelligente“ Fahrtenschreiber als Kontrollgeräte eingesetzt werden sollen. Smart-Tachos sollen bis 2035 auch in alten LKW verbaut werden und unterscheiden sich von den digitalen Kontrollgeräten durch drei wesentliche Punkte:

  1. sie verfügen über eine Anbindung an das globale Satellitennavigationssystem „GNSS“
  2. sie besitzen eine Schnittstelle zu intelligenten Verkehrssystemen
  3. sie ermöglichen die Fernkommunikation mit anderen Geräten

Durch den letzten Punkt wird es für die Kontrollbehörden möglich, Fahrzeuge und Lenkzeiten während der Fahrt zu kontrollieren. Sie prüfen die Daten auf dem Smart-Tacho beispielsweise einfach aus dem fahrenden Auto heraus und halten den LKW nur dann an, wenn ein konkreter Verdacht auf Manipulation oder Missbrauch besteht. Dank integriertem Verortungssystem wird die Plausibilitätsprüfung der vom Kontrollgerät aufgezeichneten Daten erleichtert. Die Kontrolleure erfahren von den smarten Tachos, wo der LKW zu Beginn und wo er am Ende des Arbeitstages stand und auch wo sich das Fahrzeug nach drei Stunden kumulierter Lenkzeit befand. So können etwa Geschwindigkeitsmanipulationen rascher entdeckt werden. Die Daten der Geräte senden allerdings nicht permanent an die Behörden, sondern werden nur bei Überprüfungen angezapft.

Vorgeschrieben ist bei den neuen Geräten auch, dass sie den Fahrer akustisch oder optisch warnen, wenn Störungen vorliegen oder er sich einer ununterbrochenen Lenkzeit von 4,5 Stunden nähert. Unternehmen werden weiterhin dazu verpflichtet, ihre Fahrer regelmäßig in der korrekten Bedienung der Smart-Tachos zu schulen.

Von den neuen Fahrtenschreibern sollen auch andere Verkehrsteilnehmer profitieren. Die Daten der Kontrollgeräte sollen in intelligente Verkehrssysteme fließen, sodass Staus früher erkannt und alternative Routen berechnet werden können. Das Kontrollgerät dürfte so auch bei kleineren und mittleren Speditionen zu einem Instrument des Flottenmanagements werden, das der Zentrale hilft, Kapazitäten besser auszulasten. Die Versuchung, sich durch Manipulation und Missbrauch Vorteile zu verschaffen, wird sich durch Technik allein sicher nicht aus der Welt schaffen lassen. Blickt man auf neuere digitale Techniken, mit denen sich Manipulationen wirksam verhindern lassen, wie etwa die Blockchain-Technologie, lässt sich jedoch vorhersagen, dass Manipulationen nur noch mit erheblichem Aufwand und viel krimineller Energie umzusetzen sein werden.