ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning Systeme) dienen dem effizienten Einsatz der Ressourcen eines Unternehmens. Da über sie sowohl die Planung, Steuerung als auch die Kontrolle aller der für Unternehmensentscheidungen wichtigen Daten läuft, kommt den Systemen eine zentrale Rolle bei der Digitalisierung der Logistik zu. Um den Erfordernissen der Industrie 4.0 zu genügen, müssen ERP-Systeme möglichst systemoffen und modular konzipiert werden, sodass sie auch nach ihrer Implementierung ins Unternehmen wandlungsfähig bleiben. Ungeachtet der gebotenen Flexibilität gibt es klare Kriterien, nach denen sich zukunftsfähige ERP-Systeme ausrichten müssen. Welche das sind, haben wir uns für Sie angesehen.

ERP-Systeme sollten zukunftsfähig sein – Symbolfoto des Enterprise Raumschiffs der Startrek-Reihe READMORE Enterprise Resource Planning Systeme müssen ja nicht gleich abheben, zukunftsfähig (wie das berühmte "Enterprise"-Raumschiff der Startrek-Reihe) sollten sie aber schon sein ... Jane Dickson (CC BY-SA 2.0)

Auf diese technologischen Herausforderungen müssen ERP-Systeme reagieren

Die derzeit stattfindende 4. industrielle Revolution ist gekennzeichnet durch die Verknüpfung der realen mit der digitalen Welt – es entstehen cyberphysische Systeme, die gänzlich neue Möglichkeiten für die Produktion und Wertschöpfung bieten. Dinge wie Produkte, Frachtgüter und ähnliches werden durch digitale Innovationen (und eine entsprechende IT-Infrastruktur) dazu befähigt, zu kommunizieren, also von sich aus Daten zu liefern, diese zu interpretieren und gegebenenfalls entsprechende Prozesse daraus abzuleiten. Menschen wachsen dadurch immer mehr aus der Rolle heraus, Dinge selbst zu schaffen und sie selbst zu bewegen. Ihnen fällt dafür mehr und mehr die Rolle von Dirigenten zu, die über die Einhaltung der vorgegebenen Strukturen wachen und diese optimieren.

ERP-Systeme müssen auf diese Entwicklungen reagieren. Waren sie früher hierarchisch organisiert, erfordern digitale Automatisierungsprozesse eine Dehierarchisierung der Ressourcenplanung. Klassische Top-Down-Entscheidungen werden in den cyberphysischen Systemen der Industrie 4.0 ersetzt durch einen permanenten Informations- und Kommunikationsfluss. Im Idealfall regelt der Bedarf dann unmittelbar selbst die Produktion und Auslieferung. Faktoren wie Produktivität oder Dienstleistungsorientierung lassen sich so auf Niveaus hieven, die im traditionellen Material-, Produktion- und Logistikfluss nicht einmal denkbar waren.

Der permanente Informations- und Kommunikationsfluss dezentralisiert Entscheidungsbefugnisse auf quasi allen Hierarchiestufen. Treten etwa Probleme oder Störungen in der Produktion oder der Lieferung auf, wird eine Lösung des Problems nicht mehr von der Zentrale gesteuert. Stattdessen greift das System auf alle im System integrierten Komponenten zurück und findet so eigenständig die jeweils beste Lösung. Handelten Unternehmen bislang weitgehend betriebsintern (vertikale Ausrichtung), können sie im Rahmen von Industrie 4.0-Lösungen auch flexibel (also bspw. rein projektbezogen) mit anderen Betrieben kooperieren (horizontale Ausrichtung). Zukunftsfähige ERP-Systeme müssen diese Wandlungsfähigkeit abbilden und zugleich umsetzen.

Funktionen, die ERP-Systeme künftig werden erfüllen müssen

ERP-System und Supply Chain Management (SCM)

Unter den Bedingungen der Industrie 4.0 werden ERP-Systeme so eng verzahnt mit SCM-Systemen sein, dass sie kaum noch voneinander unterschieden werden können. Bereits heute erweitern daher viele ERP-Anbieter ihre Software um ein Supply Chain Management. Solche Systeme werden dann gerne unter dem Stichwort "ganzheitlich" auch als Supply Chain Execution Systeme (SES) angeboten. Sie blicken über die Grenzen der Lager hinaus und integrieren die Steuerung und Überwachung des Transports.

Während herkömmliche ERP-Systeme lediglich immobile Ressourcen erfassen, ermöglicht das integrierte Supply Chain Management auch das Erfassen der bewegungsorientierten Prozesse der Logistik. Alle Daten entlang der Lieferkette sind so in einem System transparent für alle Beteiligten verfügbar. Jeder Mitarbeiter kann zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort (sofern die Daten bereits cloudbasiert vorliegen) auf alle Daten eines Auftrags zugreifen: von der Bestellung über die Produktion bis hin zur Lieferung. Fehler können so schnell erkannt und unbürokratisch (papierlos und auf niedrigschwelliger Hierarchiestufe) korrigiert werden. Wer heute schon auf moderne, mit ERP-Systemen gekoppelte SCM-Systeme setzt, verschafft sich daher klare Wettbewerbsvorteile gegenüber Konkurrenten, die an ihrer alten Software-Architektur festhalten.

Lassen sich traditionelle ERP-Systeme zukunftsfähig aufrüsten?

Viele Anbieter von ERP-Systemen beschränken sich darauf, ihren traditionell hierarchisch gestrickten Systemen eine schicke neue Oberfläche zu verschaffen. Selbst wenn dadurch Verbesserungen der Usability erzielt werden, reichen die Anpassungen in der Regel nicht aus, um den Bedürfnissen der Industrie 4.0 gerecht zu werden, da dann weiterhin mit alten Frameworks gearbeitet wird. Wichtige Funktionen wie Apps lassen sich in der Systemarchitektur dann nicht abbilden, müssen also außen vor bleiben. Das sogenannte IT-Retrofit genügt daher nicht.

Das größte Hindernis auf dem Weg zu ERP 4.0 – fehlende Standards

Das vermutlich größte Problem bei der Wahl eines neuen, zukunftsfähigen ERP-Systems ist derzeit jedoch die fehlende Standardisierung. Die meisten Anbieter setzen auf proprietäre ("einzigartige") Systeme, die sich dann nur unter großem Aufwand (wenn überhaupt) durch Schnittstellen mit anderen vor- oder nachgelagerten Systemen verbinden lassen. Wünschenswert wäre daher die Schaffung industrieweiter, offener Standards. Ein mögliches Vorbild dafür etwa sind die offenen Standards des Internets, die bspw. durch standardisierte Netzwerk- oder Verschlüsselungsprotokolle ermöglichen, mit unterschiedlichsten Browsern durchs Netz zu surfen.

Je weiter die digitale Transformation der Wirtschaft fortschreitet, desto dringender wird eine Lösung dieses Problems. Standards werden sich jedoch zweifellos auf die ein oder andere Weise herausbilden – die Logistik 4.0 wird ohne ERP 4.0 jedenfalls nicht auskommen. Das sollten auch kleine und mittlere Unternehmen bedenken, die noch unsicher sind, ob sich die Investitionen in neue ERP-Systeme rechnen.