Drohnen und unbemannte Roboter, die Pakete ausliefern, sind derzeit noch aufsehenerregende Ausnahmen auf unseren Straßen. Das dürfte sich schon bald ändern: Noch experimentieren DHL, Hermes oder Amazon nur mit den neuen Möglichkeiten, die unbemannte Flug- und Fahrzeuge bieten. Angesichts der rasanten Entwicklung des Onlinehandels rechnen alle Beteiligten damit, dass der Lieferverkehr in den Städten künftig auf Drohnen und Roboter zurückgreifen muss, um die Liefermengen überhaupt noch bewältigen zu können.

Drohne neben der Siegessäule READMORE Foto by Patrik Tschudin is licensed under CC BY 2.0

Bereits heute verstopfen Lieferfahrzeuge ganze Straßenzüge, da sie notgedrungen in der zweiten Reihe parken. In den Großstädten ist das Gedränge häufig so groß, dass sich die Lieferanten nicht selten selbst blockieren. Verschärft wird die Entwicklung durch Kunden, die immer schnellere Lieferungen einfordern. Die Unternehmensberatung McKinsey geht davon aus, dass bis 2025 bereits 40 Prozent aller Lieferungen sofort oder am selben Tag erfolgen werden. Zum Vergleich: Derzeit macht der Anteil solcher Schnell-Lieferungen nur 1 Prozent des Paketmarktes aus.

Die Digitalisierung schafft Logistikprobleme – Drohnen sollen es richten

Verantwortlich für den exponentiell wachsenden Lieferverkehr ist einmal mehr die fortschreitende Digitalisierung. Vor allem der Onlinehandel treibt die Entwicklung voran: Wer heutzutage zur Post geht, trifft kaum noch auf Kunden, die einen Brief verschicken möchten. Fast alle stehen an, um Retouren an Amazon, Zalando und Co abzugeben. Der Erfolg des Onlinehandels setzt auch den stationären Handel unter Druck. Der Kunde will verwöhnt werden und erwartet, dass die Ware nach Hause transportiert wird. Das ist einerseits gut für die Logistikbranche, ganz sicher aber schlecht für den Verkehrsfluss auf den Straßen und daher ein drängendes Thema für alle Player im Straßengüterverkehr. Wie ist das rasant wachsende Versandvolumen in Zukunft zu bewältigen?

Die derzeit einzig erkennbare Antwort ist eine noch stärkere Digitalisierung der Logistik. Drohnen und unbemannte Roboter spielen dabei eine wesentliche Rolle. Flugdrohnen sind für die Transportlogistik nicht nur deshalb interessant, weil sie den bisher ungenutzten Luftraum (bis ca. 500 Meter über dem Boden) für Transporte öffnen könnten, sondern vor allem deshalb, weil sie sich durch Digitaltechniken zentral steuern lassen. Die Verkehrsströme würden so selbst bei deutlich größeren als heute Liefermengen lenk- und beherrschbar bleiben.

Für Logistikunternehmen kommt ein weiterer Vorteil der Drohnen und Lieferroboter hinzu: Sobald die Systeme ausgereift sind, werden sie die Kosten auf der sogenannten "letzten Meile" senken. Diese ist bekanntlich das teuerste Glied der Lieferkette. Hier fallen rund 50 Prozent der Kosten an – bei Same-Day-Delivery sind es sogar 90 Prozent. McKinsey geht davon aus, dass schon 2025 rund 80 Prozent aller Pakete automatisiert ausgeliefert werden. Diese Prognose setzt voraus, dass sich das Thema allein unter Effizienzgesichtspunkten entscheidet – und in puncto Lieferzeit und Kosten sind automatisierte Systeme klar im Vorteil. Rein wirtschaftlich betrachtet gehört den Drohnen und Robotern auf der "letzten Meile" zweifellos die Zukunft. Was gesellschaftliche Akzeptanz und rechtliche Rahmenbedingungen angeht, sieht die Lage anders aus.

Die Flugdrohnen der DHL und das Problem der Haftung

Neben den Flug-Drohnen von Amazon sorgt vor allem die DHL mit ihrem "Paketkopter" für Furore. In mehrjährigen Tests lieferte der Paketkopter der DHL Medikamente über den Rhein, versorgte die Nordseeinsel Juist mit dringend benötigten Lieferungen - und meisterte auch Lieferungen an eine Paketstation der bayerischen Gemeinde Reit im Winkl in den Alpen. Bei Wind und Wetter. Laut DHL sind alle Versuche bestens gelaufen, sodass man nun bereit sei, das System in Städten auszuprobieren.

Genau das ist derzeit rechtlich noch nicht möglich. Die gewerbliche Nutzung des Luftraums in Deutschland ist genehmigungspflichtig. Solange Drohnen auf Sicht gesteuert werden, ist eine solche Genehmigung derzeit immerhin denkbar. Sobald die Drohne außerhalb der Sichtweite fliegt, treten aber rechtliche Probleme auf, die noch weitgehend ungeklärt sind. Sie ähneln weitgehend denen der selbstfahrenden LKW. Was passiert, wenn eine Drohne abstürzt? Wer trägt die Folgekosten möglicher Unfälle? Wie soll sich eine Drohne in ethisch heiklen Situationen verhalten? Wie soll das unbemannte Flugobjekt entscheiden, ob es eher den Zusammenstoß mit einer anderen Drohne riskiert oder den Aufprall auf ein Gebäude?

Lieferroboter – rollende Straßen-Drohnen

Das estnische Unternehmen Starship (eine Gründung des Skype-Erfinders Ahti Heinla) machte jüngst in Deutschland mit seinen Lieferrobotern Schlagzeilen, seit das Logistikunternehmen Hermes die Lieferdrohnen auf deutschen Straßen testet. Die auf sechs Rädern fahrenden Paketroboter erinnern ein wenig an den niedlichen "Wall-E" aus dem gleichnamigen Disney-Film, eigentlich fehlen nur noch die charaktervollen Kameraaugen.

Der Starship-Roboter hat insgesamt neun Kameras, die jedoch in den sanften Rundungen des Gefährts optisch verschwinden. Der Roboter soll friedlich und liebenswert wirken. Passanten, die dem Starship-Schützling begegnen, drehen sich denn auch ohne Furcht nach ihm um. Mehr noch: Die Lieferdrohne ist so programmiert, dass es so wirkt, als hätte sie Angst. Sobald ein Hindernis, ein Tier oder Mensch vor dem Roboter auftaucht, bleibt er stehen und gewährt Vorfahrt. Die Blicke der Zweibeiner auf das Gefährt sind meist interessiert, mitunter auch ein wenig mitleidig.

Der mit GPS und Lokalisierungssystem ausgestattete Blechbote weiß zwar stets, wo er sein Ziel findet, an Bordsteinen und anderen Hindernissen scheitert er meist noch. Auch in puncto Effizienz ist die rollende Lieferdrohne vorerst keine ernsthafte Konkurrenz. Während ein menschlicher Zusteller bis zu 15 Pakete in der Stunde ausliefert, schafft der Starship-Lieferant in der gleichen Zeit gerade einmal ein Paket. Dabei soll es jedoch nicht bleiben. Der rollende Roboter lernt täglich dazu. Ziel des estnischen Unternehmens ist es, dass künftig ein Mensch ausreichen soll, um eine Flotte von bis zu 100 Lieferdrohnen zu steuern. Diese könnten Pakete in der Größe von 2 bis 3 Einkaufstüten ausliefern. Das maximale Ladegewicht liegt derzeit bei 15 Kilogramm. Die rollende Drohne soll einen Umkreis von rund vier Kilometern bedienen können.

Auch Mercedes-Benz mischt mit

Die geringe Reichweite der Drohnen wirkt nur auf den ersten Blick wie ein Nachteil. Das Robovan getaufte Joint-Venture zwischen Starship und Mercedes-Benz lässt schon gut erkennen, wohin die Reise für die kleinen Lieferdrohnen gehen könnte. Sie finden Platz in einem speziell ausgestatteten Van. Der Lieferant könnte dann mit dem Robovan auch weit entfernt liegende Dörfer ansteuern. Am Zielort angekommen, würde er lediglich den Lieferdrohnen die Tür öffnen, die für ihn die Ablieferung des Pakets übernehmen; er könnte dann weiterfahren und alle Drohnen auf seinem Rückweg wieder einsammeln.

Fliegt und rollt – die Ball-Drohne des Fraunhofer Instituts

Ein gänzlich anderes Konzept verfolgt die Ball-Drohne "Bin:Go" des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML. Diese Drohne fliegt nur, wenn es nicht anders geht, ansonsten rollt sie. Der Wechsel spart zum einen Energie (Fliegen ist energieintensiv), zum anderen sind rollende Drohnen für Menschen sicherer (auch wenn sie sich derzeit noch nicht so anhören). Bei der Ball-Drohne sind die Rotoren im runden Gehäuse integriert. Selbst bei einem Aufprall sind sie daher gut geschützt – ebenso wie die im Inneren der Kugel transportierte Ware. Diese wird durch eine eingebaute Klappe schnell und einfach in eine sichere Transportbox geladen.

Die stabilen Streben des runden Gehäuses werden mit einem 3D-Drucker gegossen. Bin:Go ist daher mit nur 1,5 kg ein wahres Fliegengewicht. Die Drohne kann bereits bis zu 700 Gramm schwere Lasten transportieren, eignet sich also schon jetzt für den Transport kleinerer Güter wie Medikamente, Proben oder Dokumente. Angedacht ist vor allem der Einsatz in Lagerhallen. Sollen Pakete von einem Regal geholt werden, fliegt die Drohne hinauf. Abwärts könnte die Ball-Drohne dann auf Schienen herunterrollen und so die Schwerkraft ausnutzen, was weitere Energieeinsparungen brächte.

Die rechtlichen und ethischen Fragen sind noch ungeklärt

Rechtlich stehen die unbemannten Lieferdrohnen vor den gleichen Problemen wie ihre unbemannten LKW- und Flug-Kollegen. Wer haftet für sie? Wie sollen sie in heiklen Situationen entscheiden? In den bisherigen Versuchen werden die Lieferroboter von Starship von Menschen begleitet, die einschreiten können und stets die Kontrolle über die Maschine behalten. Das dürfte sich auch beim kugelrunden Bin:Go nicht ändern, sollte er jemals auf der Straße getestet werden.

Ein weiteres Problem sind die integrierten Kameras der Drohnen, die für ihren Einsatz unerlässlich sind. Weder Privatpersonen noch Betriebe werden es begrüßen, künftig via Drohnen immer und überall überwachbar zu sein. Ohne Kameras funktionieren die Geräte jedoch nicht. Auch die Klärung des Umgangs mit diesen Daten ist eine riesige Hürde, die erst einmal genommen sein will, ehe wir uns alle an den Anblick von rollenden Robotern auf unseren Straßen gewöhnen.

Die Bereitschaft dazu besteht immerhin. 2014 konnte sich jeder vierte Verbraucher vorstellen, sich seine Pakete von einer Drohne oder einem Roboter liefern zu lassen, ergab eine Befragung des Digitalverbands Bitkom. In der jüngsten Erhebung stieg die Zahl der Befürworter gar auf 43 Prozent. Skepsis sieht anders aus. Hält dieser Trend an, wird wohl auch der Gesetzgeber den Weg für Drohnen und Lieferroboter früher oder später freimachen.