Der Disponent der Zukunft wird seinen Beruf vollkommen anders beschreiben als seine Kollegen von heute. Ist der Disponent heutzutage noch vor allem dazu da, den besten, schnellsten und günstigsten Weg für eine Fracht zu finden, übernehmen das künftig Algorithmen. Sie ermitteln, wo wann welcher Frachtraum genutzt werden kann wesentlich effektiver als es ein Mensch kann. Aus den heutigen Jongleuren, die bewaffnet mit Computer und Telefonen Information einholen, sie im Minutentakt auswerten und für Verhandlungen einsetzen, werden sie zu Vermittlern der von Sensoren erhobenen und von Algorithmen ausgewerteten Daten.

Der Disponent der Zukunft wird nicht mehr mit Informationen jonglieren, sondern Daten und Menschen managen. Das Symbolfoto zeigt einen Jongleur auf einer Straße, vermutlich an einer roten Ampel, da er seine Kunststücke auf einem Zebrastreifen zeigt. READMORE Heute verlangt der Beruf des Disponenten oft artistisches Können. In Zukunft dürften mehr Manager-Skills gefragt sein charlotte henard (CC BY-SA 2.0)

These 1: Der Disponent der Zukunft wird für alle Unwägbarkeiten zuständig sein

Für eine effektive, optimale Transportlogistik müssen viele verschiedene Faktoren berücksichtigt werden. Disponenten sind geübt darin, vorhandene Kapazitäten, saisonale Besonderheiten oder regionale Strukturbedingungen rasch zu erfassen und für effektive Transporte aufeinander abzustimmen. Meist leisten sie dabei in Personalunion gleich mehrere Jobs auf einmal: Sie holen Informationen ein (über Ladungen, Transportwege, Fahrer etc.), werten diese Informationen aus und verhandeln auf Basis dieser Informationen Verträge mit Fahrern und Verladern aus.

Computerprogramme unterstützen schon heute Disponenten bei ihrer Arbeit. Die Programme schlagen Tourenpläne vor oder helfen bei der Bestimmung des Transportpreises. Noch sind diese Programme auf Daten angewiesen, die möglichst immer auf gleichen Niveaus arbeiten. Für die Berechnung etwa von Quellen und Senken (Quellen = Regionen, in denen mehr Transporte starten als enden; Senken = Regionen, in denen mehr Transporte enden als starten) fehlen meist belastbare Daten. Der Disponent von heute gleicht diesen Mangel an Informationen durch seine Erfahrung oder schlichtes Bauchgefühl aus.

Computer lernen derzeit, zu improvisieren

Das führt viele Logistiker zu der Vermutung, der menschliche Disponent sei Algorithmen vor allem hinsichtlich einer sehr menschlichen Fähigkeit überlegen: der Improvisation. Einer etwas vereinfachten Definition nach, besteht das Kunststück der Improvisation darin, aus einer ausweglos erscheinenden Situation das Beste zu machen. Anders formuliert: aus einer unzureichenden Datenlage versteht es der Mensch, immer noch etwas zu machen (meist sogar etwas Sinnvolles).

Computer dagegen sind nicht nur umgangssprachlich letztlich nur "Rechner". Abweichungen von der Norm stellen für gewöhnliche (sprich: hausübliche) Computer daher tatsächlich noch immer eine schier unüberwindbare Hürde dar. Ist die Datenlage dann womöglich auch noch mangelhaft, kann keine Lösung errechnet werden. Das wird jedoch nicht immer so bleiben. Die Entwicklung der Computertechnologie ist jedoch längst bei "neuronalen Netzwerken" angekommen.

Diese Netzwerk-Rechner gleichen die Improvisationskunst des Menschen durch eine für uns nicht mehr wirklich fassbare Zahl an Rechenzüge aus. 2016 schlug so ein Computer sogar den Weltmeister im chinesischen Spiel Go. Das Spiel ist für Computer vor allem deshalb so schwierig, weil jeder (menschliche) Spieler quasi bei jedem Spielzug improvisiert.

Die Programmierer von Google lösten dieses Problem, indem sie die Maschine mit 30 Millionen Spielzügen fütterten. Dadurch gelang es dem Computer, die Züge des Gegners in rund 57 Prozent aller Fälle vorherzusagen. Mit anderen Worten: die Improvisationskunst des Menschen lässt sich mithilfe von Algorithmen, leistungsstarken Rechnern und guter Datenlage durchaus übertrumpfen. Selbstlernende Algorithmen wie die Suchmaschine von Google bringen sich mittlerweile sogar bei, welche Lösungen trotz mangelnder Datenlage von Menschen als adäquat angesehen werden.

Infografik: Algorithmen erfassen problemlos eine Vielzahl von Faktoren und errechnen optimale Lösungen. Der Disponent der Zukunft wird daher ohne sie nicht auskommen.

Selbstlernende Algorithmen werden zum "Bauchgefühl" der Logistik

Es ist daher mehr als nur wahrscheinlich, dass das heutige Bauchgefühl von Disponenten durch Programme ersetzt wird. Datendienstleister werden (etwa über Datenerhebungen von Telematik-Einrichtungen) verlässlichere Daten über bspw. Quellen und Senken liefern als das heute überhaupt auch nur möglich ist.

Leistungsfähigere Programme, angemietet und genutzt via Cloud-Computing (auch mobil dank Apps), werden so auch mit anderen Unwägbarkeiten wie Pannen, Verspätungen oder plötzlichen Umbuchungen zurechtkommen. Dass diese Zukunft erst in 25 Jahren beginnt, ist eher unwahrscheinlich. Die logistischen und ökonomischen Vorteile dieser neuen digitalen Techniken sind so enorm, dass sie aller Voraussicht nach viel rascher ihre Schlagkraft entfalten werden, als viele das heute für möglich halten. Erinnert sei an das Smartphone, das nicht einmal zehn Jahre brauchte, um sich in unserem Alltag unersetzlich zu machen.

Selbstlernende Algorithmen bieten die Möglichkeit, mehr Daten schneller und verlässlicher zu verarbeiten und dadurch zu besseren Transportlösungen zu kommen als menschliche Disponenten es heute vermögen. Wer auf diese Technik verzichtet, gerät dadurch automatisch in Rückstand zu Konkurrenten, die ihre Disposition den Algorithmen anvertrauen. Dieser Sogwirkung ist nicht zu entkommen. Und sie dürfte ein ähnliches Tempo aufnehmen wie der Einzug des Smartphones in unseren Alltag.

These 2: Der Disponent der Zukunft wird ein Spieler oder Spieleleiter sein

Digitale Arbeitsplätze könnten schon in wenigen Jahren eher dem gleichen, was wir aus heutiger Sicher eher für eine Gamezone halten würden. Kollegen treten in dieser Vision als Teams gegen andere Teams an. Statt bspw. in der Intralogistik einfach nur ein Produkt nach dem anderen aus den Regalen zu picken, messen sich Lagerarbeiter spielerisch miteinander.

Erfahrungen und Tests zur Gamification in der Intralogistik zeigen, dass sich Mitarbeiter mit Hilfe von Spielen besser motivieren lassen. Die Kommissioniergeschwindigkeit steigt, die Fehlerraten sinken. Da die Arbeit mehr Spaß macht, steigt auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Spiele könnten nach und nach auch andere Bereiche der Logistik erobern. Disponenten müssten sich auf diese Gamifaction nicht nur einstellen, sondern eben auch buchstäblich mitspielen.

Da der Disponent der Zukunft nach wie vor zwischen verschiedenen Positionen der Logistik agiert und etwa zwischen Verlader und Frachtführer vermittelt, fiele ihm dabei wohl nicht selten sogar die Rolle eines Spielleiters zu. Er würde das Spiel am Laufen halten, indem er etwa Spielzüge von Beteiligten bewertet, über die Punktevergabe in strittigen Fällen entscheidet oder Spiele unterbricht bzw. neu ansetzt. Im Kern würden diese Aufgaben denen heutiger Disponenten gar nicht so unähnlich sein. Der entscheidende Unterschied läge allerdings in der Fokussierung des Disponenten der Zukunft auf den Faktor Mensch.

Der Disponent der Zukunft ist in dieser Game-Vision letztlich eine Art Übersetzer. Die von den Algorithmen errechneten optimalen Lösungen werden von ihm an die in der Lieferkette beteiligten Menschen zur Umsetzung (oder zur Beobachtung) weitergereicht. Gefragt wären demnach in Zukunft vor allem die Soft Skills von Disponenten wie das Einfühlungsvermögen in den Einzelnen. Auch als Instanz für Nachfragen, Klärungen von Details dürfte der Disponent unersetzbar bleiben. Zur Ehrlichkeit gehört an dieser Stelle aber gewiss auch der Hinweis, dass die Zahl der Disponenten sinken wird. Den Hauptteil ihrer Arbeit übernehmen schließlich die Computer. Was bleibt, ist Vermittlungsarbeit (klingt ein wenig nach Beziehungsarbeit und ist auch so gemeint).

These 3: Der Disponent der Zukunft als betriebswirtschaftlicher Manager

Schon heute zeichnet sich ab, dass Fahrer zukünftig ihre Frachtfuhren selbst disponieren werden. Am deutlichsten sichtbar ist diese Entwicklung bei Nahverkehren. Hier führt das immer weiter anwachsende Logistikvolumen geradezu zwangsweise schon heute zu einer Digitalisierung der Abläufe. Ohne Unterstützung des Computers sind die Aufträge kaum noch abzuarbeiten. Konsumenten sind nicht mehr dazu bereit, tagelang auf ihre Bestellungen zu warten.

Wenn die Disposition weitgehend automatisch erfolgt, welche Aufgabe bleibt dem Disponenten der Zukunft dann noch? Wird er nur noch mit anderen spielen und sie bei Laune halten wie unter These 2 skizziert? Dass künftig von Disponenten mehr Softskills abverlangt werden, scheint unausweichlich. Dennoch dürfte der Disponent der Zukunft nicht zum Unterhalter werden (fast möchte man sagen "verkommen"). Ausbildung und Tradition des Berufs weisen eher in die Richtung betriebswirtschaftlicher Aufgaben.

Die Freiheiten, die Disponenten in Zukunft durch die Algorithmen gewinnen werden, dürften vor allem in die Qualität ihrer betriebswirtschaftlichen Entscheidungen fließen. Vermutlich geht es dann nicht mehr um schnelle Entscheidungen und kleine Aufträge, wie sie heute häufig im Minutentakt von Disponenten abverlangt werden. Stattdessen werden sich Disponenten mehr und mehr um betriebswirtschaftliche Fragen wie dem Bestand des Fuhrparks oder der Entscheidung über neue Kollaborationen kümmern. Die dafür notwendigen Manager-Skills trainieren sie heute schon tagtäglich.