Supply Chains sind an sich schon komplexe Gebilde, bei denen viele Komponenten von unterschiedlichen Beteiligten koordiniert werden müssen. Die Idee der Connected Supply Chain klingt daher zunächst eher weniger verlockend: die ohnehin schon hohe Komplexität der Lieferkette soll durch noch mehr Komponenten und noch mehr Beteiligte erhöht werden. Zur wirklich guten Idee wird das erst durch den digitalen Fortschritt, genauer: durch die Möglichkeit große Datenmengen zu verarbeiten. Die Connected Supply Chain ist jedoch nicht einfach nur etwas, das im Zuge der Einführung von Big Data am Ende automatisch geerntet werden kann. Vernetzte Lieferketten sind vielmehr Cyber-Physische Systeme und daher – neben den digitalen Lösungen – immer auch abhängig vom Faktor Mensch. Kurz: ein Auftrag ans Management!

Die Idee der Connected Supply Chain: Vernetzung aller an der Lieferkette Beteiligten. Symbolfoto von gezeichneten Figuren, die miteinander vernetzt sind. READMORE In der Connected Supply Chain findet der Datenaustausch zwischen allen Beteiligten statt (Chris Potter (CC BY 2.0))

Was unterscheidet die Connected Supply Chain von der traditionellen Lieferkette?

Die klassische Lieferkette besteht aus der Triade zwischen Lieferant (Spedition), Unternehmen und jeweiligen Kunden und erstreckt sich entlang der Flüsse von Rohstoffen, Bauteilen und Produkten sowie der damit verbundenen Informationen. Im traditionellen Verständnis der Supply Chain bleibt dabei alles schön innerhalb dieser Triade. Die Idee der Connected Supply Chain erweitert den Kreis den Beteiligten, die durch vor- oder nachgelagerte Prozesse auf die Supply Chain einwirken. Im Fokus stehen dabei vor allem die (jeweils) wirklichen Endkunden.

Im gedachten Idealfall lösen diese selbst die Produktion sowie die sich daran anschließende Lieferung aus. In der Connected Supply Chain wird die Lieferkette also möglichst unmittelbar mit der Wertschöpfungskette verzahnt. Das Mittel für diese Verknüpfung ist die Datenverarbeitung. Überproduktionen etwa sollen durch Datenanalysen mit Vorhersagefunktion vermieden werden, Lieferungen just-in-time erfolgen. Vernetzte Lieferketten wollen letztlich also Produktionssteigerungen und Kostensenkungen ermöglichen. Wie sie das schaffen, wird rasch klar, wenn man sich die Funktionen einer Connected Supply Chain genauer ansieht.

Funktionen der Connected Supply Chain

Vernetzte Lieferketten leben vom Datenfluss. Digitale Techniken wie die der RFID-Technologie schaffen die Möglichkeit, eine Vielzahl von Daten automatisch zu erfassen, die früher nur durch Mitarbeiter zu erheben waren. Klassisches Beispiel ist die Beschädigung von Waren oder Containern. Entdeckte ein Arbeiter die Beschädigung (zufällig oder bei einer gezielten Kontrolle), meldete er das an den Lager-, Betriebs- oder Hafenleiter, der diese Information ebenfalls weiterreichen musste.

Der mit RFID-Chip ausgestattete Container meldet dagegen seine Beschädigung automatisch ans System. Falls gewünscht, erhalten alle Beteiligten unmittelbar mit Eingang der Meldung davon Kenntnis. Bei entsprechender Systemkonfiguration ploppt die Information im ERP-System nicht nur als Problem auf, sondern generiert sofort eine Lösung: ein neuer Container, eine neue Lieferung wird auf den Weg gebracht.

Als Funktionen der Connected Supply Chain sind allein in diesem (einfachen Beispiel) identifizierbar:

Wie gut eine vernetzte Lieferkette funktioniert, hängt an der Qualität der Daten

Stichworte wie Big Data, Industrie 4.0 oder Internet of Things fallen zwangsläufig, sobald von der Connected Supply Chain die Rede ist. Unzweifelhaft ist, dass der Logistik mittel- und langfristig (durch die Volatilität der Märkte, die durch die Digitalisierung befeuert wird) gar nichts anderes übrigbleiben wird, als sich mit Kunden, womöglich sogar mit Mitbewerbern zu vernetzen und auszutauschen. In der Arbeitswelt 4.0 verbinden sich Unternehmen (und Logistiker) nicht mehr nur aufgrund langjähriger Zusammenarbeit oder lang ausgehandelter Verträge.

Der Austausch von Daten führt vielmehr zu ganz neuen Geschäftsmodellen. Die Lieferkette wird in der Connected Supply Chain selbst zum Datenlieferanten, der mithilft, Bestände zu minimieren, Kosten zu reduzieren und den Service für Kunden immer weiter zu verbessern. Ähnlich wie Lean Management eine Daueraufgabe bzw. Dauerbaustelle fürs Management bleibt, lässt sich auch die Connected Supply Chain daher nicht in einem einmaligen Prozess hochziehen.

Auftrag ans Management: in den Betrieben ein Bewusstsein für das "digitale Gold" schaffen

Ihrem Wesen und ihren Funktionen nach müssen vernetzte Lieferketten nach vielen Seiten hin offen bleiben für Einflüsse und damit für Veränderungen. An die Stelle des festen Lieferanten treten in der Connected Supply Chain wechselnde Allianzen, die sich agil zusammenfinden und auch wieder auseinandertriften, sobald sich aufgrund der Datenanalysen neue, günstigere Konstellationen ergeben.

Diese neue, volatile Logistik-Welt funktioniert jedoch nur, wenn auch alle Beteiligten und Mitarbeiter geschult darin sind, Informationen einzuholen, sie gegebenenfalls ins System zu stellen bzw. mit den vom System zur Verfügung gestellten Daten auch systemkonform umzugehen. Hier Belohnungssysteme und Anreize für alle zu schaffen, qualitätsbewusst mit dem "digitalen Gold", den Daten, umzugehen, ist in den kommenden Jahren einer der herausragenden Aufträge für Logistikmanager.