Attraktivität schafft Probleme. Das lässt sich schon heute in nahezu jeder größeren Stadt der Welt beobachten. Immer mehr Menschen ziehen in Metropolen. Laut der OECD soll bis 2050 der Anteil der Menschheit in Ballungsräumen von heute 50 Prozent auf 70 Prozent steigen. Es fehlt daher nicht nur an Wohnraum, auch die Straßen der Städte kommen mit dem wachsenden Verkehr nicht mehr zurecht. Entsprechend steht die City Logistik vor Herausforderungen, denen sie mit heutigen Konzepten nicht mehr gerecht werden kann.

99 Prozent aller Deutschen über 18 Jahren haben schon einmal etwas im Internet bestellt. Das ungebremste Wachstum des Onlinehandels verschärft die Liefer-, Verkehr- und Umweltprobleme in den Städten zusätzlich. Gefragt sind daher neue Ansätze, mit denen die urbane Logistik leistungsfähiger wird. Wie unsere Städte auch in Zukunft effektiv mit Waren und Paketen beliefert werden können und zugleich lebenswerter werden, hat sich Frachtraum in einer zweiteiligen Artikel-Serie angesehen. In Teil 1 geht es um die City Logistik im Allgemeinen. Teil 2[fb1] wirft dann einen genaueren Blick auf die sogenannte letzte Meile, also der Business-to-Consumer-Logistik.

Liefert er die Pakete gleich ab, oder muss er sie wieder mitnehmen? Die City Logistik ist heute in vielen Belangen wenig effektiv. READMORE
Liefert er die Pakete gleich ab, oder muss er sie wieder mitnehmen? Die City Logistik ist heute in vielen Belangen wenig effektiv. Maarten van den Heuvel on Unsplash

In diesem Artikel erfahren Sie:

City Logistik heute: jeder macht sein Ding

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (pwc) hat errechnet, dass der Güterverkehr nur 20 bis 30 Prozent des Stadtverkehrs ausmacht. Das klingt zunächst einmal vertretbar. Worin genau das Problem liegt, verdeutlicht eine andere Zahl: der Güterverkehr verursacht rund 80 Prozent der innerstädtischen Staus zu Stoßzeiten. Mit anderen Worten: die Lieferverkehre drängen sich jeweils geballt in viel zu engen Zeitfenstern in die Innenstädte.

Der Onlinehandel verschärft das Problem durch eine wahre Paketflut. In den vergangenen zehn Jahren stieg der Anteil der online verkauften Artikel im Einzelhandel um 9,2 Prozent. Längst werden nicht mehr nur Elektroartikel und Kleidung im Internet bestellt, Verbraucher lassen sich immer häufiger auch Lebensmittel vom Paketdienst nach Hause bringen. Der logistische Aufwand von Onlinebestellungen ist meist hoch. Ist der Empfänger nicht anzutreffen, erfolgt in der Regel mindestens ein weiterer Zustellversuch. Erreicht eine Sendung dann endlich den Empfänger, macht sich die Ware nicht selten schon kurz darauf als Retoursendung erneut auf den Weg. Dadurch hat das digitale Konsumverhalten gleich doppelt Auswirkung auf die City Logistik.

Mit der Zunahme des Verkehrs steigt auch die Umweltbelastung. Dabei gibt das Pariser Klimaschutzabkommen vor, die Emission des Straßenverkehrs bis 2020 um 40 Prozent im Vergleich zum Referenzjahr 1990 zu senken. Bis 2016 wurde laut Umweltbundesamt lediglich eine Reduzierung von 27,6 Prozent erreicht. Dass Bund, Länder und Kommunen dieses Problem letztlich nur aussitzen, zeigt der überraschende Erfolg der DHL-Tochter StreetScooter.

Da DHL auf dem Automobilmarkt keine günstigen Lieferfahrzeuge mit Elektromotor fand, ließ sich der Logistiker passende Fahrzeuge vom Tochterunternehmen maßgerecht herstellen. Längst ist die Nachfrage nach den Modellen von StreetScooter so groß, dass Handwerker und Lieferdienste mit langen Wartezeiten rechnen müssen. Dabei hätte eine Förderung solcher E-Transporter mit öffentlichen Geldern den Markt sicher schon früher in Schwung gebracht.

City Logistik von morgen: kooperativ, digital und serviceorientiert

Die Ansätze, um die Problematik der City Logistik in den Griff zu bekommen, sind vielfältig und reichen von der Einführung einer City-Maut, über Fahrverbote, bis hin zu einer grundlegenden Neuausrichtung des Lieferverkehrs in den Städten. Letzteres verlangt von den bisher stets unabhängig handelnden Akteuren, die Bereitschaft zur Kooperation..

Namentlich findet sich die Idee der Urban Hubs in nahezu allen Zukunftsvisionen zur City Logistik wieder. Der Begriff stammt vom Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik und zielt auf eine Bündelung der Warenströme. Letztlich handelt es sich dabei um ein Umschlagzentrum, das am Stadtrand angesiedelt ist. Das Besondere: die Urban Hubs werden firmenübergreifend genutzt.

Ein ähnliches Konzept verfolgen die "Urban Consolidation Center" von Siemens. Auch das "Fullfillment by Amazon (FBA)"-Konzept von Amazon greift im Grunde die Hub-Idee auf: Einzelhändler lagern dabei ihre Waren direkt in den Verteilzentren des Onlineversandriesen. Sofern die Kunden das zulassen oder wünschen, kann Amazon dann Bestellungen unterschiedlicher Einzelanbieter bündeln und so Wege einsparen. Neben Konzepten wie dem Anticipatory Shipping, mit dessen Hilfe stark nachgefragte Produkte schneller geliefert werden können, arbeitet Amazon bereits an Apps, die Fahrer darüber informiert, wo sie parken sollen und welche Pakete vom Parkplatz aus am besten zu Fuß ausgeliefert werden können.

Algorithmen helfen die Zahl unnötiger Transporte zu reduzieren

Ein Beispiel wie gut diese Urban Hubs funktionieren, findet man in Kopenhagen: Dort gibt es bereits seit 2012 ein gemeinsames Distributionszentrum am Stadtrand. Im Rahmen eines weitreichenden City Logistik-Konzeptes wurde der individuell organisierte Lieferverkehr weitgehend aus der Innenstadt verbannt. Ziel der dänischen Metropole ist die CO2-neutrale Stadt. Durch Reduzierung der Luftverschmutzung sowie des Lärms, soll die Stadt lebenswerter gemacht werden. Damit dies gelingt, wird auf Algorithmen zurückgegriffen. Diese errechnen wann welcher Händler am besten beliefert werden sollte. Dadurch erhalten viele Händler zwar nur noch einmal am Tag ihre Lieferung, dafür aber vollständig und gebündelt, was wiederum die Zahl der Einzelfahrten beschränkt.

Mehrere europäische Städte experimentieren derzeit auch mit Nachtzustellungen durch leise E-Fahrzeuge. Diese entzerren das hohe Verkehrsaufkommen zu Stoßzeiten. Gute Erfahrungen mit der geräuscharmen Nachtlogistik machten bereits Köln, London, Paris, Barcelona, Lyon sowie mehrere niederländische Städte. Der Nachtverkehr konnte jeweils so organisiert werden, dass es zu keinerlei Beschwerden der Anwohner führte.

Universitätsstädte, wie das niederländische Groningen, gehen noch weiter: Als sogenannte Smart City setzt Groningen konsequent auf Digitalisierung. Um etwa mehr Menschen dazu zu bewegen mit dem Fahrrad zu fahren, sind die Ampeln der Stadt so geschaltet, dass bei schlechtem Wetter Fahrradfahrer Vorfahrt haben. Das hilft auch den vielen Lastenrädern, die einen Großteil der City Logistik übernehmen.

Ebenfalls auf IT-Technik setzt das Konzept des Crowd-Shippings. Dabei handelt es sich im Grunde um eine Art Mitfahrzentrale für Pakete. Wer beispielsweise von München nach Berlin fährt, kann die Fahrtkosten minimieren, indem er ein Paket (oder mehrere) mitnimmt und ausliefert. Im Netz tummeln sich bereits etliche Transport-Plattformen für Pakete. Die meisten dieser Mitfahrgelegenheiten für Pakete und Gegenstände punkten bislang weniger mit dem Preis als mit der schnellen Lieferung.

Fazit: Die City Logistik bedarf vor allem einer besseren Abstimmung

Wann wer was wohin ausliefert, kann künftig kaum mehr einzelnen Lieferdiensten überlassen bleiben. Um dem Verkehrsinfarkt zu entkommen, müssen Paketdienstleister in Zukunft stärker miteinander kooperieren. Plattformkonzepte, auf denen alle Daten zentral auflaufen, bieten dafür die besten Lösungen.

Zudem bedarf es einer Hub-Infrastruktur an günstig erreichbaren Stellen in den Außenbezirken. Diese sollten ebenfalls kooperativ betrieben werden, um eine effektive Bündelung von Lieferungen gewährleisten zu können. Zusätzlich könnten die in der Innenstadt gelegenen Mikrodepots von großer Nützlichkeit sein, da diese eine gute Ergänzung zu den außerstädtischen Hubs darstellen und so ein kaskadenartiges Liefersystem vom großen Zentrallager, über Hubs, bis hin zum Mikrodepot entsteht.

Diese Mikrodepots werden dann meist nur von zwei Mitarbeitern geführt. Während der eine ausliefert, sortiert der andere den Bestand im Lager. Ausgeliefert wird jeweils nur im umliegenden Viertel. Der Bedarf an Logistikflächen in den Städten wird dadurch spürbar steigen. Für Deutschland prognostiziert der Immobiliendienstleister Cushman & Wakefield etwa einen Mehrbedarf an Fläche von 77 Prozent allein in den kommenden drei Jahren. Da dieser Bedarf nicht zu befriedigen sein wird, sind gemischte Nutzungskonzepte (heute schon in vielen Paketshops üblich) unvermeidbar.

Die City Logistik könnte zudem zu einem der großen Anwendungsfelder der Big Data-Technologie werden. In der Smart City werden Pakete nicht einfach "blind" ausgeliefert. Sie werden erst dann zugestellt, wenn der Empfänger sie auch wirklich entgegennehmen kann.

Ausblick: Im zweiten Teil werfen wir einen Blick auf die letzte Meile, welche vom Boom des Onlinehandels regelrecht überrollte wird, und zeigen die verschiedenen Lösungsansätze für die Zukunft auf...