Unter freiem Himmel wird es langsam eng. Der Verkehr auf Straßen und Schienen wird laut Bundesverkehrsministerium bis 2030 um rund 38 Prozent zulegen. Mit entsprechenden Folgen: Die Staukosten könnten sich allein hierzulande in den kommenden zehn Jahren auf bis zu 50 Milliarden Euro belaufen. Alternativen müssen her! Ein möglicher Ansatz sieht vor, den Frachtverkehr buchstäblich unter die Erde zu bringen. Am weitesten fortgeschritten ist diese Idee derzeit bei dem Schweizer Projekt "Cargo Sous Terrain". Auch in Deutschland wird bereits seit längerem am unterirdischen Warentransport getüftelt.

Animation eines Elektrofahrzeugs von Cargo Sous Terrain READMORE Elektrofahrzeuge wie dieses sollen künftig unterirdisch Waren durch die Schweiz transportieren - "by Cargo Sous Terrain"

Cargo Sous Terrain – eine Güter-U-Bahn durch die Schweiz

Tunnel gehören mindestens ebenso zum Schweizer Selbstverständnis wie die Berge, Uhren oder der Ziegenpeter. Es verwundert daher nicht, dass das Projekt Cargo Sous Terrain sich vorgenommen hat, die Schweiz um weitere Tunnel zu bereichern. In 20 bis 50 Metern Tiefe will der privat organisierte Verein Tunnel schaffen, die ausschließlich für den Transport von Gütern vorgesehen sind. Sie sollen später einmal alle großen Städte der Alpenrepublik unterirdisch verbinden - von St. Gallen über Zürich, Luzern, Lausanne bis hin zu Genf.


Die Cargo-Röhren sollen einen Durchmesser von sechs Metern haben. Das böte Platz genug für drei Spuren. Auf ihnen werden, so der Plan, eigens konstruierte Elektrofahrzeuge auf Induktionsschienen mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h fahren. Sie können dabei Waren mit einer Länge bis zu drei Metern und 2,40 Meter Höhe auf Paletten transportieren.

Zudem besteht die Möglichkeit, eine lückenlose Kühlkette einzuhalten. In der Röhre wäre sogar noch genug Raum für eine darüber führende Seilbahn. Diese ist für kleinere Zustellungen gedacht und soll Pakete mit einer Geschwindigkeit von 60 km/h befördern. Alle Fahrzeuge sind unbemannt und werden zentral per Software gesteuert.

Schemabild der geplanten dreispurigen Röhren des Cargo Sous Terrain Systems Blick in den geplanten Cargo-Tunnel - "by Cargo Sous Terrain"

Ein- und ausgeladen werden die Güter über sog. "Hubs", die vor allem am Rand der Citys liegen. Alle Güter müssen zunächst zu diesen Umschlagsplätzen transportiert bzw. von dort zum Empfänger gebracht werden. Laut Prospektbeschreibung des Vereins übernehmen das vor allem Elektro-Fahrzeuge und Fahrräder. Schließlich legen die Macher großen Wert darauf, dass das gesamte Projekt umweltschonend mit regenerativen Energien betrieben werden kann.

Studie bescheinigt die Machbarkeit von Cargo Sous Terrain

Eine vom Schweizer Bundesrat abgesegnete Machbarkeitsstudie hat mittlerweile bestätigt, dass die Idee sowohl technisch als auch finanziell umsetzbar ist. Der Schweizer Bundesrat hat sich dazu bereit erklärt, die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Projekt zu schaffen. Voraussetzung dafür ist, dass keine öffentlichen Gelder in Anspruch genommen werden.

Genau das war von Anfang an auch das Ziel der Projektgruppe: Bis Ende 2017 sollen laut eigenem Zeitplan Geldgeber gefunden werden, die zusammen mindestens 100 Millionen Franken investieren. Unmittelbar danach soll die Projektierung beginnen. Ab 2023 könnte dann die erste Etappe der "Cargo-Metro" gebaut werden. Die 67 Kilometer lange Strecke zwischen Härkingen und Zürich soll mindestens 3,5 Milliarden Franken kosten.

Zeitachse des Cargo Sous Terrain Projekts Noch steht der Zeitplan des Projekts – bis 2018 müssen allerdings Investoren gefunden werden - "by Cargo Sous Terrain"

Cargo-System mit hohen Transportkosten

Geleitet werden soll das unterirdische Cargo-System später von einer Betreibergesellschaft. Gedacht ist an ein Konsortium aus Logistikunternehmen, Verladern und Nutzern. Sie tragen das Risiko des Systems und bezahlen dessen Erhalt sowie Ausbau. Im Gegenzug behalten sie die erzielten Gewinne ein. Über deren Höhe wagt der Verein derzeit keine Prognosen; klar ist jedoch, dass die Transportkosten für Güter in den privat finanzierten Röhren wesentlich höher liegen werden als auf öffentlich finanzierten Straßen oder Schienen. Während in der Schweiz derzeit für den Tonnenkilometer rund 35 Rappen anfallen, werden es bei Cargo Sous Terrain wohl rund 50 Rappen sein.

Das soll sich für Verlader und Spediteure dennoch rechnen, da durch das System zum einen Lagerkosten wegfielen, zum anderen der Verkehr unterirdisch kontinuierlich fließe. Zudem könne auch der Verladeprozess am Hub rascher ablaufen als an der Rampe.

Kritik an Cargo Sous Terrain

Ob die Marktteilnehmer diese Vorteile wirklich zu honorieren wissen, scheint augenblicklich noch ungewiss. Gerade die Hubs - die Umschlagsstellen der "Cargo-Metro" - sind leicht als Schwachstellen des Systems zu identifizieren. Das sehen auch die Kantone Solothurn und Aargau. Auf ihrem Gebiet soll die erste Teilstrecke verlaufen. In der Planung der Hubs ist bislang nur unzureichend dargestellt, dass dort "automatisierte Schnittstellen zu allen am Ort verfügbaren Verkehrsträgern" bestehen sollen. Das lässt offen, wie genau der Transport der Güter zwischen Hub und City durchgeführt werden soll.

Das Cargo Sous Terrain Projekt und die letzte Meile In der Stadt soll die Feinverteilung der Güter durch ein intelligentes City-Logistik-Konzept erfolgen - "by Cargo Sous Terrain"

Nur vage ist von einer "Bündelung der Warenströme" sowie "koordinierten Zustell- und Abholtouren" die Rede. Dennoch sind sich die Macher sicher, die Zahl der innerstädtischen Gütertransporte um 30 Prozent senken zu können. Die Lärmbelästigung durch Schwertransporte solle sogar um 50% abnehmen. Auffällig ist: Während die Technik im Tunnel exakt beschrieben wird, bleibt die Beschreibung der so wichtigen letzten Meile verdächtig unkonkret.

Die Frage der Arbeitsplätze

Würde das System tatsächlich realisiert, würden zwangsläufig Arbeitsplätze wegfallen. Es bräuchte weniger Lkw-Fahrer und weniger Kräfte an den Rampen. Als Arbeitsplatz-Killer sehen sich die Macher dennoch nicht. Die Logistik-Branche stünde ohnehin vor einem gewaltigen Strukturwandel. Zudem schaffe Cargo Sous Terrain ja auch neue Arbeitsplätze - auch wenn sich erst noch zeigen müsse in welchem Umfang.

In Deutschland kämpft ein einsamer Streiter für den Cargo-Untergrund

Für Dietrich Stein, emeritierter Professor für Leitungsbau an der Universität Bochum, ist das Vorhaben von Cargo Sous Terrain ein alter Hut. Sein Cargocap getauftes Rohrpost-System für Güter hat er bereits vor Jahrzehnten entwickelt. Im Gegensatz zu den Schweizern setzte Stein von Anfang an auf kleine Röhren mit einer Breite von nur zwei Metern, die jedoch Platz genug für zwei Europaletten bieten. Der Vorteil von Steins schlanker Röhre: Sie muss nur etwa sechs bis acht Meter tief unter die Erde und kann mit günstigen, bereits erprobten Kanalbau-Techniken realisiert werden.

Auch Steins Konzept setzt auf zentral gesteuerte Elektrofahrzeuge und Umschlagplätze, die allerdings wohl kleiner ausfallen würden als die Hubs bei Cargo Sous Terrain. Schließlich hat Stein seinen Cargo-Untergrund vor allem für städtische und regionale Bedürfnisse in einem Verkehrsbereich bis 150 km konzipiert.

Zwischen 1998 und 2002 wurde der Cargocap vom Wissenschaftsministerium des Landes NRW gefördert. Dann kam der Transrapid und man legte Stein nahe, private Investoren für seine Idee zu finden. Die blieben dem Projekt jedoch stets fern. Ihnen fehlte die öffentliche Förderung und Unterstützung der Politik. Ein gordischer Knoten, den Stein bislang nicht auflösen konnte.

Gut möglich, dass auch das Schweizer Cargo Sous Terrain Projekt ein ähnliches Schicksal erwartet. Eine gute Idee allein reicht eben nicht. Am Ende entscheidet der Wille und der Mut vieler, ob aus den Ideen Einzelner auch Zukunftsprojekte für alle werden. Dieter Stein immerhin kämpft auch im Ruhestand noch für seine Idee.